10. Februar 2006
Philharmonie

Rachmaninow im Stress

Kirill Petrenkos Debut bei den Philharmonikern

Programm

Béla Bartók
Violinkonzert Nr. 2

Sergej Rachmaninow
Symphonie Nr. 2

Mitwirkende

Berliner Philharmoniker
Kirill Petrenko - Dirigent
Christian Tetzlaff - Violine

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Rachmaninow im Stress

Kirill Petrenkos Debut bei den Philharmonikern

Von Heiko Schon

Ein letztes Mal braust der Klang auf. Kirill Petrenko schwingt die Peitsche und reitet in die Abendsonne. Schlussakkord. Bambadabamm. Starker Beifall. Und man selbst sitzt da und fühlt sich in keinster Weise emotional berührt. Da der 33-Jährige die Wahl hatte, war es nicht weiter verwunderlich, dass er sich für sein erstes Dirigat der Berliner Philharmoniker für einen Landsmann entschied. Sergej Rachmaninow, der nach dem Flop seiner ersten Sinfonie ursprünglich nie wieder komponieren wollte, stellte die Partitur seiner zweiten Sinfonie in Dresden fertig. Eines seiner besten Werke, in der eigentlich alles vorkommt, womit Petrenko schon oftmals punktete: düstere Motive, Lyrik, glutvolle Melodik. Dass ihm die großen russischen Komponisten liegen, hört man aus dem Orchestergraben der Komischen Oper. Dort steht der Generalmusikdirektor des Hauses (unter anderem bei Tschaikowskis Eugen Onegin) locker flockig am Pult; der Klangkörper kennt ihn. Doch in der Philharmonie war ihm eine nervöse Anspannung deutlich anzumerken.

Wie schmal doch der Grat zwischen Temperament und Hastigkeit sein kann. Denn nichts anderes machte Petrenko mit dem Werk: Er durchhetzte es. Zu Beginn klang das nicht einmal schlecht. Zum pechschwarzen Motto des Kopfsatzes passt eine aggressive Deutung. Doch schon die verspielte Poesie des Seitenthemas (Allegro) verlor sich im Tempodruck. Nicht anders erging es dem Scherzo-Marsch im zweiten Satz mit seiner Streicherkantilene. Petrenko straffte die Tempi derart, dass sich die Musik nicht entfalten konnte. Die Mitte des Adagios mit der (betörend gespielten) Solo-Klarinette durchbrach nur selten die glatte Oberfläche. Vergebens blieb der Wunsch nach Augenblicken des Nachwirkens, nach einem Zelebrieren des Klangs. Viel mehr als ein paar Knalleffekte blieben auch in der ausgelassenen Stimmung des Schlusssatzes nicht übrig.

Das war auch im ersten Teil - Bartóks zweitem Violinkonzert - nicht anders. Das Aufeinandertreffen von Petrenko und Christian Tetzlaff hätte konträrer nicht ausfallen können. Während Petrenko das Orchester mehr hecheln als atmen ließ, variierte der Solist zwischen gedehntem Effekt und feinem Anschlag. Dieser Bartók landete nach einer Fahrt im ersten oder fünften Gang schnell im Graben. Bedauerlich, denn mit etwas mehr Sensibilität wäre das Debüt sicher schöner ausgefallen.



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