17. Januar 2006
Philharmonie

Zwischen Finesse und Tristesse

Tastenphilosoph trifft Klangmagier

Programm

Joseph Haydn
Symphonie Nr. 86 D-Dur

Wolfgang Amadeus Mozart
Klavierkonzert Nr. 27 B-Dur KV 595

Maurice Ravel
Ma mère l'oye

Mitwirkende

Berliner Philharmoniker
Simon Rattle - Dirigent
Alfred Brendel - Klavier

Leserbrief/readers comment Druckversion/printversion

Zwischen Finesse und Tristesse

Tastenphilosoph trifft Klangmagier

Von Fabienne Krause

Kleidungsstücke haben viele unterschiedliche Facetten: Manchmal erzählen sie etwas über den Besitzer und dessen Charakter. Auch kann das gleiche Kleidungsstück an zwei Personen vollkommen anders aussehen. Kreativ kombiniert entsteht aus dem Einfachsten etwas ganz Raffiniertes. So ähnlich ist es auch mit der Musik und ihren Interpreten. Es kommt darauf an, was diesen an dem Stoff gefällt und welche besondere Note er durch die Interpretation bekommen soll.

Simon Rattle / Alfred Brendel

Simon Rattle gefiel an Haydns Symphonie Nr. 86 offenbar die durchbrochene Struktur zwischen Eleganz und Verspieltheit. So kostete er mit seinen Philharmonikern die zahlreichen Pausen, Fermaten und Tempi-Wechsel genussvoll aus. Auch die Kontraste wie zwischen dem grazil-majestätischem Adagio und dem getragen schreitenden Capriccio setzte Rattle scharf gegeneinander ab. Haydns Symphonie bekam dadurch einen verspielt-humorvollen Erzählcharakter, der sich nicht nur im Hörerlebnis äußerte, sondern in Rattles gesamter Körpersprache und Gestik. Dem vornehmen Briten stand dieses Werk wirklich sehr gut zu Gesichte und auch Haydns Komposition bekam durch seine Risikofreude ein verlockendes Funkeln.

Der Tastenphilosoph Alfred Brendel hüllte dagegen Mozarts Klavierkonzert Nr. 27 B-Dur eher in einen matten Umhang. Die Finessen der Komposition wurden durch technisch einwandfreies Spiel zwar perfekt herausgearbeitet, doch die Tristesse war im Vortrag allgegenwärtig. Das Orchester unterwarf sich dieser zurückgenommenen Partie und bot keine eigene Herausforderung. Hintergrund dieser verhaltenen Interpretation war vielleicht die Werkgeschichte des Klavierkonzerts. Es entstand im letzten Lebensjahr Mozarts und gehörte auch zum Programm der letzten öffentlichen Aufführung des Komponisten. Ob allein dieser Umstand allerdings eine solche Auslegung des sonst von jugendlicher Dynamik erfüllten Mozart-Oeuvres rechtfertigt, bleibt dahingestellt. Dass der 75-jährige Alfred Brendel gerade dieses Werk herausgriff und in dieser Weise deutete, verstärkte jedenfalls das Klischee des weisen, von der Welt abgewandten Pianisten.

Maurice Ravels Ma mère l'oye war die glückliche Rettung und erweckte die anfangs entfachten Funken zu neuem Leben. Die aus Cinq Pièces enfantines für Klavier zu vier Händen entstandene Orchesterfassung für Erwachsene offenbart Ravels Hang zum Kindlich-Märchenhaften, das wohl auch Simon Rattle reizte. Zusammen mit den Philharmonikern breitete er einen herrlich-schillernden Klangschleier über der Philharmonie aus, der durch Instrumente wie Celesta und Harfe richtig zu glitzern begann. Vorher sediert durch Brendel, nun verzaubert durch Dornröschens Pavane oder Walzer von la Belle et la Bête kam es dann doch noch zu einem märchengerechten "Ende gut, alles gut".



©www.klassik-in-berlin.de