13. September 2006
Philharmonie

Melancholie und Bedrohung

Die Bamberger Symphoniker unter ihrem Chefdirigenten Jonathan Nott beim Musikfest 2006

Programm

Sir Harrison Birtwistle
The Shadow of Night
Benjamin Britten
Violinkonzert op. 15
Richard Strauss
Tod und Verklärung

Mitwirkende

Bamberger Symphoniker
Jonathan Nott - Dirigent
Daniel Hope - Violine

Leserbrief/readers comment Druckversion/printversion

Melancholie und Bedrohung

Die Bamberger Symphoniker unter ihrem Chefdirigenten Jonathan Nott beim Musikfest 2006

Von Katrin Kirsch

Das renommierte fränkische Orchester, das vor einigen Jahren eine existentielle Finanzkrise erfolgreich überwand, spielte vergangenen Mittwoch in der Philharmonie wie es sich für ein Traditionsorchester gehört: solide und verlässlich, aber wenig aufregend. Dabei hatten die Bamberger ein äußerst spannendes Programm mit drei eher düsteren, aber dennoch publikumswirksamen Werken im Gepäck.

Daniel Hope

Brittens grandioses Violinkonzert entstand zur Zeit des spanischen Bürgerkriegs im amerikanischen Exil und erscheint uns heute aktueller denn je. Nicht umsonst gilt es als das stärkste Instrumentalwerk des Briten und hat einen festen Platz im Kanon der Violinkonzerte des 20. Jahrhunderts. Ausnahmegeiger Daniel Hope, der in diesem Jahr zum dritten Mal in Folge mit dem ECHO Klassikpreis ausgezeichnet wird, zeigte sich jedoch überraschend zurückhaltend in der Tongebung und konnte nicht immer überzeugen. Zu verhalten, fast in sich gekehrt wirkte sein Spiel zu Beginn des Konzerts. Seine filigranen Klangspielereien und mitunter nicht ganz sauber intonierten Flageoletts erwiesen sich als zu intim für den großen Saal und gingen viel zu oft im Orchesterklang unter. Im Agitato ma espressivo-Teil des ersten Satzes gab er ein sehr gehetztes Tempo vor und ließ der Musik wenig expressive Momente. Erst mit der Solokadenz des zweiten Satzes, einem Scherzo, das erhebliche Anforderungen an die Virtuosität des Solisten stellt, schien es, als sei ein Schleier gehoben und Hope würde nun sein Klangspektrum ganz dem Publikum öffnen. Auch die Balance zwischen Orchester und Solist wurde zum Ende des Konzerts ausgewogener, obwohl kleine Unstimmigkeiten im Zusammenspiel die Darbietung beeinträchtigten. Schließlich spielte Hope noch Erwin Schulhoffs zweiten Satz aus der Violinsonate von 1939 als Zugabe.

Aufgrund einer kurzfristigen Programmumstellung begann das Konzert jedoch mit Sir Harrison Birtwistles im Jahre 2002 vom Cleveland Orchestra uraufgeführten The Shadow of Night, das von Dürers Kupferstich Melancolia inspiriert ist. Auf den feingliedrigen Beginn, bei dem aus einem schwebenden Klangteppich der Bässe und tiefen gedämpften Blechbläser einzelne Solisten zaghaft hervortraten, folgten langsame Steigerungen, die beständig in durch grelle Cluster nachgezeichnete Katastrophen mündeten. Leider gelang es Nott hier nicht, die Spannung zu halten und die richtige Balance zu finden. Das Stück fand nicht zu der anfänglichen Ruhe zurück und mehr und mehr geriet die Interpretation zu schrill, um wirklich noch einzelne Klangfarben differenzieren zu können - von Melancholie war wenig zu spüren. Einige Besucher des ohnehin schlecht verkauften Konzerts hätten wohl am liebsten nach diesem Stück schon die Philharmonie verlassen.

Doch nach der Pause entschädigte Jonathan Nott mit einer äußerst runden Interpretation von Richard Strauss' sinfonischer Tondichtung Tod und Verklärung, die der Freund und Mentor Hans von Bülow treffend charakterisierte als "sehr bedeutend trotz allerhand Schlacken auch erquicklich". Den Bamberger Symphonikern gelang das Kunststück, mit einem berückend schönen Streicherteppich und wundervoll anrührenden Soli trotzdem einen klaren Klang mit einer gewissen Nüchternheit zu erzeugen, und nicht der süßlichen Sinnlichkeit der Musik zu verfallen, was dem Werk sehr gut tat.



©www.klassik-in-berlin.de