27. Februar 2006
Deutsche Oper Berlin

Im Parkhaus des Glücks

Alexander von Pfeil inszeniert Richard Strauss' Arabella an der Deutschen Oper

Programm

Richard Strauss
Arabella

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Ulf Schirmer
Inszenierung: Alexander von Pfeil
Bühne: Bernd Damovsky
Kostüme: Sabine Blickenstorfer
Kampftrainer: Frank Meyer-Brockmann
Dramaturgie: Katharina John

Graf Waldner: Oleg Bryjak
Adelaide: Ute Walther
Arabella: Michaela Kaune
Zdenka: Fionnuala McCarthy
Mandryka: Jean Luc Chaignaud
Matteo: Arnold Bezuyen
Graf Elemer: Clemens Bieber
Graf Dominik: Bernd Valentin
Graf Lamoral: Guillaume Antoine
Die Fiakermilli: Silja Schindler
Eine Kartenaufschlägerin: Lucy Peacock
Welko: Olli Rantaseppä
Djura: Frank Meyer-Brockmann
Drei Spieler: Heiner Boßmeyer, Andrej Malyuk, Björn Struck

Die Statisterie der Deutschen Oper Berlin
Orchester der Deutschen Oper Berlin

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Im Parkhaus des Glücks

Alexander von Pfeil inszeniert Richard Strauss' Arabella an der Deutschen Oper

Von Hans Beckers / Fotos: Kay Schmedes

Die Welt der Arabella, so haben es jedenfalls Richard Strauss und sein Librettist Hugo von Hofmannsthal sehr dezidiert festgelegt, ist das Wien der 1860er Jahre. Der reich und neu möblierte Salon eines Wiener Stadthotels im ersten und dessen Stiegenhaus im dritten Akt, sowie ein prunkvoller öffentlicher Ballsaal im zweiten Akt bilden die Kulissen. Aber die Autorität der k.u.k.-Monarchie beginnt dahinter zu bröckeln, ein Börsenkrach steht 1873 bevor. Das Stück selbst, so hat Michael Steinberg in einem Kapitel über Allegorie und Autorität im Werk Hofmannsthals ausgeführt, hat im Gegensatz zum oft als Vorbild herangezogenen Rosenkavalier einen deutlich politischen Symbolgehalt. Es dient als Metapher für eine Erneuerung und Reinigung des müden, dekadenten, verarmten städtischen Österreich durch die gewünschte Vereinigung mit der Vitalität der slawischen Völker, verkörpert durch den slawischen Gutsbesitzer Mandryka, der sich in Arabella, das Bild eines Wiener Mädels, verliebt. Ein Paar, das nach einigen Verwirrungen und Verwechslungen aus dem Milieu der Schuldenmacher und Hasardeure aussteigt, um sein Glück in der Abgeschiedenheit der Karpatenwälder zu suchen.

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Von diesen in aller Kürze skizzierten Hintergründen will die Neuinszenierung der Arabella, die Alexander von Pfeil für die Deutsche Oper unternommen hat, offenbar nicht viel wissen. Da geht es schlankweg um nichts weniger als um den Verfall von Kultur schlechthin. Als optisches Symbol hierfür zitiert Bernd Damovskys Einheitsbühnenbild ein öffentliches Parkhaus: Das nur noch in Rudimenten von einstiger Größe kündende Bogengewölbe des Michigan-Theater in Detroit, einer Stadt, deren heutiger Verfall um einige Größenordnungen dramatischer ausfällt als derjenige Wiens um 1860.

Hier treiben sich im wabernden Bühnennebel allerlei sinistre Gestalten herum, die Hände meist in den Hosentaschen verbergend, eine schattenhafte-bedrohliche Parallelgesellschaft von Schiebern und Herumlungerern, die sich an den Wänden entlang drückt. Allerlei in die Jahre gekommene Fahrzeuge gleiten geräuschlos herein und heraus. Es sind Prestigesymbole der Liebhaber Arabellas, die denn auch ihre Angebetete nicht zum Fiakerball, den die Regie völlig ignoriert, sondern eher auf eine Spritztour entführen möchten. Der in eklatantem finanziellem Engpass steckende Rittmeister Graf Waldner lebt mit seiner Familie vermutlich in dem alten Kombi, unter dessen geöffneter Heckklappe sich seine Frau die Karten legen lässt, auf einem Koffer als Unterlage. Warum er unter solchen Umständen soviel Mühe darauf verlegt, seine durch Spielsucht ramponierte bürgerliche Reputation wieder herzustellen, leuchtet nicht ganz ein. Noch weniger begreift man, warum er die zweite Tochter Zdenka als Buben verkleidet. Wer so tief gesunken ist, hat derlei Firlefanz doch nun wirklich nicht mehr nötig.

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Nach wenigen Minuten zeigen sich die Grenzen des Regieansatzes in Form schlichten Rampensingens auf kahler Bühne. Die sich breit machende szenische Langeweile unterbricht gelegentliches Publikumsgelächter, als etwa Zdenka Graf Elemers "Schlitten" (ein rotes Geschoss, vermutlich italienischer Provenienz) ankündigt. Zum Ende, als sich das Geschehen einer frostigen konzertanten Aufführung annähert, rieselt Schnee vom Bühnenhimmel in die Parkhausruine herab. Wenigstens ein Requisit übersteht den Abstraktionsunsinn: Hofmannsthals theatral und intellektuell formvollendetes Vermählungssymbol - das Glas Wasser, mit dem Arabella ihrem Verlobten die Treue verspricht.

Vollkommen quer (und das ist die schlimmste Hypothek) steht die Inszenierung zur musikalischen Atmosphäre, die Strauss durch eine gekonnte Verschränkung der kontrastierenden Idiome - einerseits Walzer, Wienerlied und Konversationston, andererseits naive Volksmusik, die sich manchmal pathetisch erhebt - herstellt. Weil Ulf Schirmer am Pult des Orchesters der Deutschen Oper für üppigen, aber stets aufgefächerten, nie blechlastigen Klang sorgt und zudem zwischen Bühne und Graben eine ausgewogene Balance herstellt, erweisen sich die szenischen Irrwege als besonders fatal.

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Sängerisch finden sich Licht und Schatten. Michaela Kaune macht aus der Titelfigur eine zurückhaltende, nachdenkliche und stets sehr höfliche, beherrschte junge Dame. Den Wechsel zwischen Parlando und hymnischem Ton, ein Signum der Arabella-Partie, bewältigt sie klangschön und geschmeidig. In den heiklen Duetten besteht sie intonationssicher, nur in den extremen Höhen verliert der Klang eine Spur an Brillanz und Strahlkraft. Leider steht ihr im Mandryka von Jean-Luc Chaignaud kein gleichwertiger Partner gegenüber. Zur Gestaltung der Partie fehlt es an virtuoser Handhabung der Stärkegrade, viele Passagen klingen zudem sehr angestrengt, die gaumige Artikulation steht der Pointierung des Textes im Wege. Der Eindruck von Monotonie, der sich im Verlauf einstellt, passt nun aber wiederum wenig zu einem urwüchsigen, eifersuchtsfähigen kroatischen Urgestein. Die Figur sollte schließlich in einem starken Kontrast zur abgelebten Umgebung stehen.

Fionnuala McCarthy setzt als Zdenka auf Innigkeit der gesanglichen Linien und kann damit der blässlichen Zeichnung der Figur durch die Regie wenigstens teilweise entgegenwirken. Arnold Bezuyens Matteo ist hier kein schneidiger, sich in Liebe verzehrender Offizier, sondern ein bieder-verklemmter Spießbürger, dessen enger, wenig beweglicher Tenor stets ein wenig weinerlich klingt. Unter den gräflichen Bewerbern, alle drei nicht wirklich Charmeure, sticht der textklare Elemer von Clemens Bieber die eher verhaltenen operierenden Bernd Valentin (Dominik) und Guillaume Antoine (Lamoral) deutlich aus. Die Fiakermilli von Silja Schindler, hier unversehens eine herzlich entbehrliche Rolle, müht sich mit Anstand durch ihren koloraturgespickten Part. Das Elternpaar, der raubeinige, spielversessene Haudegen Waldner von Oleg Bryjak und die mütterlich resolute Adelaide von Ute Walther runden das Ensemble ab.

Es steht zu befürchten, dass diese Arabella wohl kaum zur Verbesserung der Platzauslastung der Deutschen Oper beitragen wird. Dafür waren die Lücken in der fünften Vorstellung seit Premiere schon zu groß und das Publikumsecho allzu ratlos-gleichgültig.



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