20. August 2005
Neuköllner Oper

Bitte - Danke

Eine zweiteilige "Raumpflege" an der Neuköllner Oper

Programm

Wischen - No Vision
Gerd Noack / Marc Seitz - Kompositionen
Andreas Bisowski - Libretto

Mitwirkende

Neuköllner Oper
Musikalische Leitung: Hans-Peter Kirchberg
Inszenierung: Stephan Bruckmeier
Choreographie: Claudia Senoner
Ausstattung: Meentje Nielsen

Antonia: Elisabeth Striewe
Birger: Hartmut Kühn
Chantal: Leigh Adoff
Dollenberger: Thomas Franke
Ellermann: Harry Tchor

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Bitte - Danke

Eine zweiteilige "Raumpflege" an der Neuköllner Oper

Von Nancy Chapple / Fotos: Matthias Heyde

Wischen - No Vision

Zwei Komponisten unterschiedlichster Vita schreiben je eine halbe Oper zu einem Libretto über Putzfrauen - ob das gut geht? Es hätte genauso gut ein ödes intellektuelles Experiment sein können, aber der Abend in der Neuköllner Oper ist kurzweilig und musikalisch überzeugend. Auch wegen der hervorragenden Sänger-Schauspieler.

In der Umbaupause zwischen den Teilen sagte ein Zuschauer, "Aber der Stoff ist doch so banal!" Und in der Tat haben wir es hier nicht mit tragischer Liebe, mit vertauschter Identität wie in einem Shakespeare-Stück oder einer darauf basierenden Verdi-Oper zu tun. Es geht um eine flüchtige Begegnung zwischen Putzfrauen - oh Entschuldigung, sie heißen hier doch éRaum- und Pflegefachpersonal' - und korrupten Geschäftsmännern, wodurch der eklatante Gegensatz zwischen den beruflichen Erwartungen und Einstellungen der beiden Gruppen klar wird. Aber trotz des möglicherweise ernsthaften Themas ist es kein politisches Stück - auch wenn gelegentlich Tagespolitisches im Nebensatz anklingt - , sondern einfach gute Unterhaltung.

Marc Seitz, selbst von der Ausbildung her Musicalsänger, komponierte Teil 1, in dem nach bester Musical-Art jeder der Charaktere uns seine Geschichte erzählt, die musikalische Stimmung schnell von heiter bis innig wechselt und alle fünf Schauspieler auch problemlos eine Nummer als Chorus-Line vorführen können. Die Musik ist zugänglich, unterhaltend von jazzig bis hin zu Anlehnungen an Kurt Weill. Gerd Noack, Jahrgang 1969, hingegen hat eine eher E-Musik-betonte Biographie mit Studium der Musikwissenschaft und Komposition und dem Musikförderungspreis der Stadt Graz. Sein Teil nach der Pause beeindruckte noch unvermittelter: abwechslungsreich, witzig, trotz mancher "moderner" Intervalle durchaus zugänglich für den Zuhörer. Lange in Erinnerung wird das kleine "Bitte, danke"-Duett bleiben!

Wischen - No Vision

In der wichtigen Rolle als Chantal - die sich ihrer Meinung nach als Putzfrau weit unter Wert verdingt, da sie eigentlich in eine Parfümerie auf den Champs Elysées gehört - musste Leigh Adoff kurzfristig einspringen. Ihr gelangen auf Anhieb alle gestellten Herausforderungen, sängerisch wie auch schauspielerisch.

Der musikalische Leiter Hans-Peter Kirchberg war mit dem kleinen Orchester von 15 Musikern sehr präsent, die Musiker konzentriert und auch in den solistischen Einlagen hörenswert. Nur die Trompete spielte gelegentlich leicht verstimmt. Obwohl die Bühne mitten im Raum nicht mehr als 5x5 Meter maß, waren die Schauspieler ständig in Bewegung; durch die geschickte Choreographie kam keiner dem anderen in den Weg. Auch das Bühnenbild: die Kostüme ganz in weiß, ein Tisch, ein paar Kissen - einfache Stilmittel, die für den Zweck reichten.

Am beeindruckendsten waren allerdings die sängerischen Leistungen - egal ob eine mitreißende Jazz-Nummer oder eine schwere moderne Arie mit großen Intervallsprüngen - immer klangen sie souverän. Und die kleine Bühne, die Nähe zu den Schauspielern machte aus dem Ganzen einen recht intimen Abend.



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