13. Mai 2005
Neuköllner Oper

Just remember that death is not the end

Debussys Der Fall des Hauses Usher in der Bearbeitung von Michael von zur Mühlen und stefanpaul an der Neuköllner Oper

Programm

La chute de la maison Usher (Der Fall des Hauses Usher)
nach dem gleichnamigen Opernfragment von Claude Debussy
Fassung von Michael v. zur Mühlen (Szenario)
und stefanpaul (Musikalische Einrichtung)

Mitwirkende

Neuköllner Oper
Musikalische Bearbeitung: stefanpaul
Musikalische Leitung: stefanpaul
Inszenierung und Szenario: Michael v. zur Mühlen
Dramaturgie: Bernhard Glocksin
Bühnenbild und Kostüme: Sebastian Hannak

Roderick Usher: Hubert Wild
Madeline Usher: Andrea Chudak
Der Arzt: Benedikt S. Zeitner
Der Freund: Lars Grünwoldt

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Just remember that death is not the end

Debussys Der Fall des Hauses Usher in der Bearbeitung von Michael von zur Mühlen und stefanpaul an der Neuköllner Oper

Von Melanie Fritsch / Fotos: Matthias Heyde

Der weißumwandete Raum ist klein. Veratmete Luft, deren Zustand sich in der folgenden knappen Stunde noch maßgeblich verschlimmern wird, schlägt dem Zuschauer neben stampfendem Presslufthammergedröhn und Baulärm vom Band entgegen. Der erste Blick auf die zweistöckige Bühne Sebastian Hannaks lässt für einen kurzen Moment das Wort "Volksbühne" vor dem geistigen Auge vorbeiflimmern, bis sich die Enge des Raumes bei dem Versuch sich irgendwie rückenschonend auf den Sitztreppen zu platzieren wieder in den Vordergrund drängt.

Der Fall des Hauses Usher

Hier spielt sich in der folgenden Stunde Der Fall des Hauses Usher ab. Roderick Usher (stimmgewaltig: Hubert Wild) verschanzt sich in dem zerfallenen Haus seiner Familie, angeekelt von der Welt, die ihn umgibt, erdrückt von gedanklichem Erbe und einer nicht näher benennbaren Schuld, die ihn mit seiner gleich mit eingekerkerten Schwester Madeline (Andrea Chudak) verbindet. Der Arzt der Familie (spielfreudig: Benedikt S. Zeitner) rät ihm immer wieder zu unterschiedlichen Selbstmordvarianten; der zu Hilfe gerufene Freund aus der Jugend (Lars Grünwoldt) weiß auch nichts besseres als platte "Du-kannst-doch-noch-so viel-mit-deinem-Leben-anfangen"-Phrasen zu dreschen. Neben Debussy wallt vom Flügel aus dem oberen, halb von Abbruchpappe verdeckten Bühnenstockwerk Musik von Morton Feldman hinunter und werden Songs aus Nick Caves Murder ballads geträllert.

Das einstündige Opernfragment La chute de la maison Usher stammt aus den von Krankheit überschatteten letzten Lebensjahren Claude Debussys und ist somit thematisch eng mit dem Komponisten verbunden. Immer wieder durch die Krankheit unterbrochen, komponierte er, solange es ihm möglich war. 1911 gab er die Arbeit an seiner Oper nach der gleichnamigen Erzählung von Edgar Allan Poe schließlich auf. 1915 entschloss man sich zu einer Operation, die aber den Verfall nur beschleunigte - er starb schließlich im Jahre 1918.

Der Fall des Hauses Usher

Michael v. zur Mühlen hat sich nun dieses Fragments angenommen, es kräftig mit Aktualität versetzt und eine streckenweise klamaukig-trashige, aber dennoch auf den Punkt kommende Inszenierung in die feine kleine Bühne gesetzt, die die Erdrückung Rodericks körperlich erfahrbar werden lässt. Verständlich, dass er sich den Kopf an den Wänden einrennt, die ihm zugleich Schutzwall und Gefängnis sind, und sich immer wieder in der Badewanne als letzten Zufluchtsort versenkt. Auch mit dem Auftauchen des Freundes ändert sich nicht viel, die kurzfristig eintretende Partystimmung kann nur wie Roderick gegen die Wand laufen und am Ende völlig in Sprachmüll - angesichts dessen sich der Zuschauer gelegentlich doch innerlich etwas windet - und Antriebslosigkeit versacken. Von zur Mühlen findet einfache Bilder, die sich unmissverständlich von selbst erklären, wenn sich zum Beispiel Roderick mit Zeitungsausschnitten vollstopft und diese anschließend wieder auswürgt oder sich der Freund von außen per Messer durch die Wand in den Raum hineinschneidet.

Der Fall des Hauses Usher

Das vierköpfige Ensemble sorgt durch Spaß am Spielen für Freude, insbesondere, wenn der Arzt und der Freund zu gegenseitigen Stichwortgebern werden und sich in bester Stegreiftheatermanier die Bälle zuwerfen. Leider bekommt man nur wenig Gesang zu hören und die Musik vom Flügel vermag sich auch nicht in den Vordergrund zu spielen - soll sie vielleicht aber eben auch nicht.

Insgesamt gelingt es im Verlauf dieses kurzweiligen Abends die Untergangsstimmung im Hause Usher verstehbar und sogar fühlbar zu machen.



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