9. September 2005
Schwartzsche Villa

Opernmusik in einer Nussschale

Das Trio Pathéthique in der Schwartzschen Villa

Programm

Conradin Kreutzer
Es-Dur-Trio
Ludwig van Beethoven
Duo Nr. 1 für Klarinette und Fagott
Camille Saint-Saëns
G-Dur-Sonate op. 168 für Fagott und Klavier
Es-Dur-Sonate op. 167 für Klarinette und Klavier
Michail Glinka
Trio Pathétique

Mitwirkende

Harald Fricke - Klarinette
Wolfgang Bensmann - Fagott
Rhea Chan-Nass - Klavier

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Opernmusik in einer Nussschale

Das Trio Pathéthique in der Schwartzschen Villa

Von Ingo Bathow / Foto: Ingo Bathow

Die Kombination ist unwiderstehlich, unterhaltsam und ein erfrischender Kontrast zu den Klangfarben des "klassischen" Klaviertrios. Das "Trio Pathétique" mit Harald Fricke (Klarinette), Wolfgang Bensmann (Fagott) und Rhea Chan-Nass (Klavier) begeisterte nämlich in der Schwartzschen Villa mit Werken von geradezu kantabler, deklamatorischer Intensität, die vernehmlich der großen Gefühlswelt des Musiktheaters entstammte - sozusagen Opernmusik in einer Nussschale.

Trio Pathétique

Der melodische Reichtum von Conradin Kreutzers 30 Opern schien sich in seinem Es-Dur-Trio zu verdichten, mit mozärtlicher Grazie in den unerschöpflichen, oft liebevoll tändelnden Variationen in der Romanze des Eingangssatzes, getragen von der sanften, orchestralen Fülle des Steinway. Nach dem innigen Liebesduett des Andante grazioso folgte die dramatische Auseinandersetzung im Rondo, unterbrochen von kleinen Kadenzen und Zwischengedanken, bevor das Stück in biedermeierlichem Harmoniestreben mit dem Ausgangsthema versöhnlich endete.

Ganz anders Ludwig van Beethovens Duo Nr. 1 - ganz ohne Klavierbegleitung - für Klarinette und Fagott. Liebessehnsüchte haben diesen musikalischen Dialog gewiss nicht beeinflusst. Charaktervoll, lebhaft synkopierend und wetteifernd schienen die zwei Virtuosen in diesem Jugendwerk eher zwei übermütige Wandergesellen darzustellen. Aus musikalisch-technischer Sicht in einer archaischen Phase der Entwicklung beider Instrumente, wie Bensmann als Spiritus Rector des Ensembles in seiner Vorrede erklärte, wobei dem damaligen Fagottspieler nur zehn Klappen statt der heutigen sechsundzwanzig zur Verfügung standen.

Die höchste Stufe ihrer Entwicklung hatten beide Instrumente längst im Todesjahr von Camille Saint-Saëns 1921 erreicht. Dessen Schwanengesang, die G-Dur-Sonate op. 168 für Fagott und Klavier, gab Wolfgang Bensmann Gelegenheit, nicht nur die technischen Extreme des Instruments auszuloten vom Kontrabass-B bis zum ausgehauchten zweigestrichenen E, sondern im Adagio einen der ergreifendsten Abschiedsgesänge anzustimmen, sozusagen im Zwielicht der untergehenden Sonne. Dagegen hatte es Harald Fricke mit Saint-Saëns' Es-Dur-Sonate op. 167 für Klarinette und Klavier mit der gepflegten Eleganz seines Spiels ein wenig schwerer, den schmerzhaften Duktus sowohl im kantigen zweiten Satz wie auch im abgrundtiefen, depressiven Lento an die Hörer zu vermitteln.

Glanzvolles Finale: Das Trio Pathétique von Michail Glinka, dem das Ensemble unmittelbar seinen Namen verdankt. Italianità, Leidenschaftlichkeit, opernhafte Dramatik, Kantabilität kamen zum Ausdruck in dem ganz unter dem Einfluss von Gaetano Donizetti und Vincenzo Bellini in Mailand verfassten Meisterwerk. Des jungen Edelmannes einzige russische Eigenschaft mag die sentimentale Schwermut gewesen sein, schrieb er doch "je n'ai connu l'amour que par les peines qu'il cause" über sein Werk - "ich habe die Liebe nur durch die Schmerzen kennen gelernt, die sie verursacht". Trübsal blasen war jedoch die Sache der drei Musiker nicht. Die brillante, musikalische Blumen streuende Eröffnung führte im Scherzo direkt in die Rhythmik mediterraner Liebes-Serenaden, und die schmachtende F-Dur-Kantilene im Largo mit der angedeuteten Harfenbegleitung im Klavier machte den italienischen Vorbildern alle Ehre.

Dagegen erhielt die fast gespenstische, chromatisch absteigende Stretta, die einst den Solofagottisten der Scala zu dem Ausruf veranlasst hatte, "aber das ist ja Verzweiflung!" ("Ma questo è disperazione!") nunmehr den Charakter einer letzten dramatischen Zuspitzung, die unvermittelt in den musikalischen Gestus des fallenden Vorhangs mündete. Inbegriff italienischen Musiktheaters, unweigerlich gefolgt von stürmischem Applaus.

Bei aller Unbeschwertheit der Zugabe, Golliwog's Cakewalk aus Claude Debussys Suite Children's Corner, blieb der Vortrag geschliffen und ganz ohne jede Clownerie.

Stets blieb hörbar, was das vor über zwei Jahren in Neukölln gegründete Ensemble Trio Pathétique über die professionelle Salonmusik hinaushebt. Eine Dimension der Leidenschaftlichkeit und Sanglichkeit, die an den Belcanto der großen Opernbühne erinnert, von deren Emotionalität sich der denkwürdige Name letztlich ableitet - eben Pathos.



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