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1. März 2005 Deutsche Oper Berlin AnguckoperVolker Schlöndorff inszeniert Janáceks Aus einem Totenhaus an der Deutschen Oper |
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ProgrammLeoš JanáčekAus einem Totenhaus |
MitwirkendeDeutsche Oper BerlinMusikalische Leitung: Adam Fischer Inszenierung: Volker Schlöndorff Bühne: Jennifer Bartlett Kostüme: Dagmar Niefind Chöre: Ulrich Paetzholdt Einstudierung Pantomimem: Marcelo Buscaino Alexander Petrowitsch Gorjantschikow: Lenus Carlson Aljeja: Robin Johannsen Filka Morosow [Luka Kusmitch]: René Kollo Der große Sträfling: Walter Pauritsch Der kleine Sträfling: Bernd Valentin Der Platzkommandant: Pièr Dalàs Der ganz alte Sträfling: Peter Maus Skuratow: Michael Roider Tschekunow: Guillaume Antoine Der Pope: Heiner Boßmeyer Der betrunkene Sträfling: Jörg Schörner Der Koch / Zweite Wache: Hyung-Wook Lee Der junge Sträfling: Frank Wentzel Dirne/Elvira in der Pantomime: David Knutson Ein Sträfling in der Rolle des Don Juan und des Brahminen: Markus Brück Kedril: Peter Maus Schapkin: Burkhard Ulrich Schischkow: Peter Weber Tscherewin: Clemens Bieber Eine Stimme hinter der Szene: Yosep Kang Erste Wache: Volker Horn Der Schmied: Miomir Nikolic Chor der Deutschen Oper Berlin Orchester der Deutschen Oper Berlin |
AnguckoperVolker Schlöndorff inszeniert Janáceks Aus einem Totenhaus an der Deutschen OperVon Melanie Fritsch / Fotos: Bernd Uhlig
Zu seiner Oper Aus einem Totenhaus hatte der Komponist Leoš Janáček den Text nach F. M. Dostojewskis Aufzeichnungen aus einem Totenhaus selbst verfasst. Hauptpersonen oder einen Handlungsstrang gibt es im klassischen Sinne nicht, stattdessen hat der Komponist verschiedene Einzelepisoden und -schicksale aus Dostojewskis Roman vor dem Hintergrund des Lageralltages dargestellt. Die Utopie der Freiheit eines menschenwürdigen Lebens ist dabei der alle verbindende Traum. Die Realität einer trostlosen Lebenssituation beschreibend, stellt dieser Traum sich jedoch als bittere Illusion heraus. Die Oper wurde erst nach Janáčeks Tod im Jahre 1930 in Brünn uraufgeführt. Der Schluss, ursprünglich düsterer gestaltet, war von Freunden des Komponisten für diese Uraufführung posthum auf ein positiveres als das ursprünglich geplante Ende hin umgearbeitet worden. Volker Schlöndorffs Inszenierung des Werkes an der Deutschen Oper kommt nicht gerade düster, eher unspektakulär daher. Die Bühne wird beherrscht von Häusergerippen, auf denen der einflüglige Adler herumhoppelt und in denen die Gefangenen sich zum Schlafen ineinander knäueln. Sind sie wach, hantieren sie mit Steinen und Blecheimern, werden von grünbemäntelten Wärtern getrieben und verprügelt. Zum Feiertage gibt es Theater - unter der Leitung von Marcelo Buscaino liebevoll ausgearbeitete burleske Pantomimenspiele. All dies geschieht vor einer pastellig schraffierten Bühnenrückwand, die ein fast romantisch anmutendes sibirisches Panorama eröffnet.
Der Zuschauer kann sich zurücklehnen und das Geschehen vor sich dahinplätschern lassen, ohne große Übertragungs- oder Interpretationsarbeit leisten zu müssen. Es wird einfach erzählt. Dass die Sänger jedoch beinahe jedes Wort gestisch untermalen und das Ganze damit in Richtung eines Zeigetheaters rückt, macht auf Dauer unzufrieden. Zudem hat Schlöndorff bewusst auf sich aufdrängende Übertragungen wie Gulags unter Stalin, Konzentrationslager der Nazi-Zeit oder Anspielungen, die an aktuellere Gefangenenlager gemahnen könnten, verzichtet und das Lager im Russland des 19. Jahrhunderts gelassen. Der Blick sollte auf den in Ketten gelegten Männern ruhen. Doch leider berühren die Geschichten, die erzählt werden, nicht wirklich, sondern versinken in zu hübschen Bildern und überflüssig großen Gesten. Natürlich muss man bei diesem Stück nicht blutspritzende Grausamkeit und triefendes Elend auf der Bühne hineininszenieren, damit auch jeder versteht, dass das Leben und Eingesperrtsein im Gefangenenlager kein Kindergarten ist. Schlöndorffs Ansatz, die Musik zusammen mit dem Kontrast der weiten sibirischen Landschaft kontra die Enge eines Strafgefangenenlagers wirken zu lassen, hat insofern seine vollkommene Berechtigung - bleibt aber leider auch eben in diesem Ansatz und an der Bühnenrampe stecken. Denn es kommt wenig über letztere hinaus.
Zwar ist die Inszenierung in sich stimmig gemacht und auch Sänger und Musik enttäuschen keineswegs, auch wenn das Orchester unter der Leitung von Adam Fischer gelegentlich etwas von der musikalischen Spannung verliert - aber dieser Eindruck mag sich auch durch das Bühnengeschehen so einstellen. Auch die Sänger geben sich redlich Mühe und mit den Auftritten der Herren des Ensembles, insbesondere mit Peter Weber (Schischkoff), Michael Roider (Skuratoff) und Burkhard Ulrich (Schapkin), stehen gute sängerische Leistungen auf der Plusseite dieses Abends. Doch woran hakt es? Das Eingesperrt- und dennoch Niemals-für-sich-Sein dürfen aber, die erzwungene Nähe zum fremden Anderen, an den man gekettet ist und die Aggressionen, die das hervorrufen kann, das gleichzeitige bedrückende Alleinsein unter Vielen und niemals ein Gefühl der Geborgenheit haben zu können - all das wurde vielleicht mitgedacht und laut Programmheft auch intendiert. Doch dies vermag nicht beim Zuschauer anzukommen, auch wenn man noch so wohlmeinend danach sucht. "In jeder Kreatur steckt ein göttlicher Funke" schrieb Leoš Janáček quasi als Motto über die Partitur, man erkennt es irgendwie, irgendwo verschüttet unter den Anguckbildern und dem Zeigewust auf der Bühne, aber man spürt es nicht. Zu eindeutig zeigend, zu sehr zum einfach nur Zuschauen und weniger zum Nachdenken oder Mitfühlen regt die Inszenierung an. |