26. September 2005
Staatsoper Unter den Linden

Ein überzeugender Oldie

Seit fast 30 Jahren läuft Tosca an der Staatsoper Berlin

Programm

Giacomo Puccini
Tosca

Mitwirkende

Staatsoper Unter den Linden
Musikalische Leitung: Dan Ettinger
Inszenierung: Carl Riha
Bühnenbild, Kostüme: Wolfgang Bellach
Chöre: Detlef Steffen

Tosca: Olga Romanko
Cavaradossi: Andrew Richards
Scarpia: Andrzej Dobber
Angelotti: Meik Schwalm
Mesner: Bernd Zettisch
Spoletta: Andreas Schmidt
Sciarrone: Bernd Riedel
Kerkermeister: Yi Yang
Hirt: Sylvia Schwartz

Staatskapelle Berlin
Staatsopernchor

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Ein überzeugender Oldie

Seit fast 30 Jahren läuft Tosca an der Staatsoper Berlin

Von Nora Mansmann / Photo:© 2005 Robert Millard - www.MillardPhotos.com

Rom 1800, zur Zeit der Koalitionskriege. Angelotti, ehemaliger Konsul der Republik Rom, ist soeben aus der Gefangenschaft in der Engelsburg entkommen und verbirgt sich in einer Kirche. Er trifft auf den Maler Cavaradossi, der dort an einem Bildnis der Madonna arbeitet und sich sofort bereit erklärt, den Verfolgten zu verstecken. Cavaradossis Freundin, die Sängerin Tosca, wird zur Mitwisserin. Als Polizeichef Scarpia den Maler foltern lässt, verrät sie das Versteck Angelottis, um Cavaradossi zu retten, und stürzt damit alle Beteiligten ins Verderben.

In der Berliner Staatsoper zeigt sich der Puccini-Klassiker Tosca von der besten Seite. Zwar ist die Ästhetik konventionell, die Ausstattung von Wolfgang Bellach historisierend, und Regisseur Carl Riha kommt ohne jede Bezugnahme auf die Gegenwart aus. Kein avanciertes Konzept, keine Experimente, nichts Neues also. Das mag nicht verwundern angesichts der Tatsache, dass diese Inszenierung aus dem Jahr 1976 stammt. Dennoch wirkt der Abend nicht unangenehm altmodisch oder überholt, sondern überzeugt im Gegenteil dadurch - und das ist leider nicht selbstverständlich - dass er handwerklich sehr gut gemacht ist.

Dan Ettinger

Das beginnt bei der musikalischen Seite, die im Allgemeinen das kleinere Problem eines überzeugenden Opernabends zu sein scheint. Die Staatskapelle unter der Leitung von Dan Ettinger ist von Anfang an voll dabei und strahlt den ganzen Abend hindurch große Energie, Frische und Spielfreude aus. Werden auf der einen Seite Puccinis kraftvolle Tutti ausgesprochen vital umgesetzt, so gehen auf der anderen Seite auch die leisen Töne nicht verloren. Das Orchester musiziert mit hoher rhythmischer Präzision; die Schichten und einzelnen Stimmen der Musik werden transparent, ohne dass der Zusammenklang gefährdet wird.

Auch das Ensemble überzeugt bis in die Nebenrollen. Hervorgehoben werden müssen hier trotz der durchwegs ausgezeichneten Gesamtleistung der Solisten vor allem die drei Hauptrollen: Olga Romanko als Tosca begeistert durch ihre wunderbar klangvolle Stimme mit viel Tiefe und Geschmeidigkeit in der Phrasierung. Andrew Richards (Cavaradossi) singt mit großer Kraft und auch in den Höhen klar und ohne zu quetschen - selten genug bei Tenören. Andrzej Dobber in der Rolle des Scarpia schließlich beherrscht perfekt dessen schmeichelnden und gleichzeitig extreme Gefährlichkeit ausstrahlenden Gesangsgestus und macht den Polizeichef zu einem Opernbösewicht, den man ernst nehmen muss - ebenfalls nicht allzu oft zu finden. Auch der Chor (Einstudierung: Detlef Steffen), der hier eine eher kleine Rolle spielt, fügt sich ins positive Gesamtbild.

Bei solch einer großartigen musikalischen Umsetzung lässt man der Musik gern die Hauptrolle. Umso erfreulicher, dass es dem Team gelungen ist, auch die in der Oper immer vernachlässigte schauspielerisch-szenische Seite angemessen zur Geltung zu bringen. Wie die Ausstattung bleibt auch die Inszenierung konventionell, doch progressive Konzepte sind angesichts des inszenatorischen Niveaus der meisten Opernabende gar nicht von Nöten, um auf diesem Feld zu überzeugen. Handwerkliche Umsicht, wie sie die Regie von Carl Riha beweist, reicht völlig aus, um diesen Abend in inszenatorischer Hinsicht in die Oberliga zu bringen. Da werden Gänge einmal nicht nur durch den Wunsch der Sänger motiviert, an der Rampe zu stehen, sondern sie ergeben sich aus der Handlung bzw. aus den Gefühlen der Figuren. Da singen die Solisten nicht nur ihre Partien, sondern konzentrieren sich außerdem durchgängig auf ihre Rollen, auch in ihrer Gestik und Mimik. In Anbetracht der Tatsache, dass seit der ursprünglichen Probenarbeit bereits 30 Jahre vergangen und dass das Ensemble häufig gewechselt hat, ist dieses hohe Maß an Präzision in der Personenregie umso erstaunlicher. Dadurch und durch die hervorragenden Leistungen von Orchester und Ensemble entsteht ein runder Opernabend, den man auch nach einer Laufzeit von 30 Jahren noch mit Genuss anschauen kann.

(Leider stellt uns die Staatsoper keine Fotos zur Verfügung)



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