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23. Oktober 2005 Kammermusiksaal der Philharmonie ZeitsprüngeDer RIAS Kammerchor spannt einen Bogen vom Mittelalter bis ins 21. Jahrhundert |
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ProgrammPhilippe ManourySlova Anonymus: "Planctus Rachelis" aus Fleury Manuskript Italienisches Trecento Alfonso El Sabio: Cantigas de Santa María Peter Abelard Planctus: David Super Saul et Jonathan Olivier Messiaen Cinq Rechants |
MitwirkendeRIAS KammerchorRIAS Kammerchor Timo Nuoranne - Dirigent Pedro Estevan - Perkussion Marco Ambrosini - Schlüsselfidel |
ZeitsprüngeDer RIAS Kammerchor spannt einen Bogen vom Mittelalter bis ins 21. JahrhundertVon Jens Paape / Foto: Mathias Heyde 1000 Jahre sind eine lange Zeit. Nicht nur technologisch, auch gesellschaftlich, kulturell und damit natürlich musikalisch. Der RIAS Kammerchor versuchte an diesem Abend einen Bogen zu spannen zwischen Kompositionen aus dem Mittelalter bis hinein ins 21. Jahrhundert. Der Abend begann mit dem jüngsten Werk Slova von Phillippe Manoury. Manoury ist laut Vita ein Analytiker, ein Forscher und Dozent in Sachen Musik. Dennoch ist Slova keineswegs ein technisches Werk - im Gegenteil. Der erste Satz ist spannungsgeladen. Aufregende Harmonien mit häufig engen Tonintervallen wechseln mit unbetonten Lauten und langgezogenen Tönen, Zischen und scharfen Konsonanten. Manoury hat für dieses Stück bewusst die tschechische Sprache gewählt, da sie so viele Konsonanten hat. Leider wirkten die hohen Sopranstimmen manchmal schrill, fast schmerzhaft. Ein Problem der Akustik? Vielleicht hätte ein Soundcheck im Saal helfen können. Der des Tschechischen nicht mächtige Zuhörer vermutet im zweiten Satz einen Bezug zur Zeit: Tick-Tack-Tick-Tack klingt wie eine Uhr, tatsächlich ist es jedoch ein Kinderabzählreim, der die Vorlage bildet. Dieser Satz ist sehr gleichförmig, fast mechanisch, aber gleichzeitig lebhaft und anregend. Im dritten Satz wird die Stimmung ruhiger, fast sinnlich langsam entwickelt sich die Struktur. Manchmal fühlt man sich an bulgarische Frauenchöre erinnert, dann wieder pfeifen die Männer Passagen. Das Stück endet fast bewegungslos im Nichts. Timo Nuoranne hat den Chor mit kleinen gezielten Bewegungen fest im Griff. Seine Stärken liegen sicher in der Arbeit hinter der Bühne. Er ist kein Show-Mensch, der mit großen Gesten leitet oder sich in den Vordergrund stellt. Fast scheint es, als weiß er einfach um die Qualitäten des Chores und lässt die Vorstellung nur auf sich wirken. In zwei großen Blöcken vor und nach der Pause sprangen wir nun fast 1000 Jahre zurück. Zum Chor gesellten sich Marco Ambrosini (Schlüsselfidel) und Katharina Dustmann (Schlagzeug), die zunächst die mittelalterlichen Stücke begleiteten, dann aber auch mehrere Solostücke aufführten. Wechselgesänge zwischen Solisten und Chor prägen Planctus Rachelis. Hervorzuheben sicherlich die Altistin Hildegard Wiedemann, die nicht nur hier sondern auch später bei Messiaen mit ihrer klaren, angenehmen Stimme überzeugte. Überhaupt kann der RIAS Kammerchor auf eine große Anzahl Mitglieder verweisen, die nicht nur im Chor Hervorragendes leisten, sondern auch in der Lage sind, schwierige Solopassagen meisterhaft darzubieten.
Insgesamt muss man allerdings festhalten, dass der "alte" Block etwas zu lang geraten ist. Trotz ansprechender Ausführung, auch der Instrumentalisten, haben die Stücke einfach nicht die musikalische Tiefe und ein zu geringes harmonisches Spektrum, als dass sie gegen die moderne Literatur des Abends bestehen könnten. Dies wurde einem schlagartig bei den ersten Takten von Oliver Messiaens Cinq Rechants bewusst. Ein Feuerwerk an Komplexität, harmonisch, rhythmisch und solistisch. Allein die jeweiligen Stimmeinsätze sowohl im Chor als auch einzelner waren atemberaubend - da würden sich andere Chöre die Zähne ausbeißen. Schwierige Intervalle, rhythmisch konträre Passagen zwischen Bass/Tenor und Sopran/Alt und viele Solostimmen, die aus der Gemeinschaft kurz herausstechen, um sich dann wieder in die Gemeinschaft einzuordnen - das alles war wirklich beeindruckend. Hinzu kam, dass obwohl alle ihre Notenblätter brav in der Hand hielten, viele Passagen auswendig und somit befreit und voller Hingabe gesungen werden konnten. Für den stürmischen Applaus bedankten sich Chor und Musiker mit einem kleinen Halleluja. |