1. November 2005
Staatsoper Unter den Linden

Meine Frau ist eine Dirne

Verdis Otello an der Staatsoper

Programm

Giuseppe Verdi
Otello

Mitwirkende

Staatsoper Unter den Linden
Musikalische Leitung: Adam Fischer
Inszenierung: Jürgen Flimm
Bühnenbild: George Tsypin
Chöre: Eberhard Friedrich

Otello: Gabriel Sadé
Jago: Valeri Alexeev
Cassio: Stephan Rügamer
Roderigo: Florian Hoffmann
Lodovico: Christof Fischesser
Montano / Herold: Meik Schwalm
Desdemona: Tamar Iveri
Emilia: Simone Schröder

Staatskapelle Berlin
Staatsopernchor, Kinderchor & Komparserie der Staatsoper Unter den Linden

Leserbrief/readers comment Druckversion/printversion

Meine Frau ist eine Dirne

Verdis Otello an der Staatsoper

Von Heiko Schon

Ein bekanntes Sprichwort lautet: Eifersucht ist eine Leidenschaft, die Leiden schafft. Ein gewisser William Shakespeare schuf aus dieser Leidenschaft den Kern seines Schauspiels Othello. Knapp drei Jahrhunderte später entwarf Giuseppe Verdi mit dem Librettist Arrigo Boito daraus ein Dramma lirico. Nach Aida und dem Messa da Requiem erweiterte Verdi erneut seine kompositorischen Stilmittel. Die sonst so typische Einteilung Verdis in Rezitativ / Arie / Ensemble ist im Otello fast durchweg aufgehoben. Es ist keine Nummernoper mehr; jeder Akt ist durchkomponiert.

Adam Fischer am Pult der Staatskapelle wollte überdeutlich hörbar machen, von wessen Kollegen sich Verdi in seiner vorletzten Oper inspirieren ließ: Als im ersten Akt die Seeschlacht im venezianischen Hafen tobte, brauste im Graben kein gewöhnlicher Sturm mehr - das glich schon eher einem Hurrikan. Im Duett Già nella notte densa erleben Otello und seine Desdemona unter Fischers Dirigat eine italienische Nacht der Liebe wie Tristan und Isolde. Diese packende Wiedergabe der harmonischen wie der aggressiven Passagen der Verdi-Partitur brachte die Erkenntnis: Deutscher, ja wagnerischer hat man diese Musik wohl noch nie gehört. Die Staatskapelle hat eben ihren ganz eigenen Klang. Wenn aber spröde, aggressive Blechbläser in melancholisch angehauchten Werken (wie beispielsweise La traviata) eher irritierten, passte es diesmal wie die Faust aufs Auge.

Jürgen Flimm, international gefragter Bühnenregisseur (letzter Ring des Nibelungen der Bayreuther Festspiele), Mitglied der Berliner Akademie der Künste und derzeitiger Intendant der RuhrTriennale, inszenierte 2001 diese Tragödie um den Mohren von Venedig. Flimm verpasst der Handlung eine optische Frischzellenkur, die zwar der Geschichte keine neuen Horizonte erschließt, aber dank lebendiger Personenführung und fescher Szenenbilder nie langweilt. George Tsypin stellt Flimm ein drehbares, mehrstöckiges Metallkonstrukt auf die Plattform, die das Geschehen wahlweise an der Reling oder im Palast Otellos spielen lässt. Je nachdem werden dazu schicke Wendeltreppen, alabasterähnliche Löwen oder ein trendiger Pool platziert. Flimm taucht dieses Interieur in passendes Licht; loderndes Feuer spielt als bühnenwirksames Element eine maßgebliche Rolle. Viel handwerkliches Geschick zeigt Flimm in den intimen Szenen, wenn sich Otello und Desdemona an den Beginn ihrer Liebe erinnern oder Jago über dem zusammengebrochenen Otello triumphiert. Jago umwandert als Strippenzieher der Intrige mehr als einmal den Schauplatz, um seine Falle zuschnappen zu sehen. Wo die Hauptakteure innerhalb der Drehbühne viel Platz zur Entfaltung haben, steht der Chor drum herum auf verlorenem Posten. Zwar wurde dieser von Eberhard Friedrich wieder einmal wunderbar einstudiert, aber für mehr als affige Choreographien und etwas Herumgerenne oder -gehopse war wohl kein Platz. Letztlich bleibt dies aber die einzige Sorgenfalte in einem packenden Opernabend.

Der vorab als erkältet angesagte Gabriel Sadé stemmte, abgesehen von einer viel zu scharfen Anfangsszene, die Titelpartie durchaus beachtlich. Für seinen baritonal gefärbten Tenor stellten die Anforderungen an die untere und mittlere Stimmlage keine Probleme dar, die Höhe jedoch bekam Sadé nur unter Kraftanstrengung. Freilich passten die gedrückten Töne vortrefflich zum zunehmend misstrauisch werdenden Otello. Valeri Alexeev schien der Dämon auf den Leib geschneidert. Sein Jago ist reich an Betonungen und Charakterinhalten: ein kolossaler Alleskönner von vorbildhafter Klarheit und kluger Deklamation. Ihm in nichts nachstehend: Tamar Iveri als herzzerreißende Desdemona. Als zu unrecht beschuldigte Gattin schwebt Iveri elfenhaft und von aller Schwermut befreit durch die Szenen. Ein zerbrechliches Frauenzimmer, das den Attacken des von Eifersucht zerfressenen Ehemanns nicht mehr standhält. Iveri setzte ihr warmes, guttural klangsschönes Stimmmaterial intelligent ein und ließ sich trotz des kräftigen Orchesters nicht zum Forcieren verleiten. Ihr Ave Maria hauchte die Sopranistin mit Gänsehautgarantie ins Publikum.

(Leider stellt uns die Staatsoper keine Fotos zur Verfügung)



©www.klassik-in-berlin.de