7. September 2005
Deutsche Oper Berlin

Wer wagt, gewinnt!

Modernes Musiktheater von Isabel Mundry in der Uraufführung an der Deutschen Oper

Programm

Isabel Mundry
Ein Atemzug - Die Odyssee

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Peter Rundel
Inszenierung: Reinhild Hoffmann
Bühne/Kostüme: BildBrigade
Chöre: Ulrich Paetzholdt
Licht: Reinhard Traub
Dramaturgie: Theresia Birkenhauer

Penelope: Salome Kammer
Odysseus: Thomas Laske
Athene: Kai Wessel

Tänzer: Daniel Yamada, Lorenz Orth, Ulrich Huhn, Jean Chaize, Elisa Zucchetti, Angelika Wenzel, Jowita Figwer, Michaela Isabel Fünfhausen

Solo-Trompete: Marco Blaauw
Akkordeon: Teo Anzellotti

Ensemble Recherche

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Wer wagt, gewinnt!

Modernes Musiktheater von Isabel Mundry in der Uraufführung an der Deutschen Oper

Von Fabienne Krause / Fotos: Bernd Uhlig

Ein Atemzug - Die Odyssee: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Eine Oper beginnt für gewöhnlich, wenn alles still ist und die ersten Töne einer Ouvertüre erklingen. Isabel Mundrys Musiktheater Ein Atemzug - Die Odyssee beginnt zur Premiere am 07.09. in der Deutschen Oper bereits, wenn der Zuschauer seinen Platz gefunden hat und wartet. Schweift der Blick über die Bühne, bemerkt er, dass dort das Warten bereits durch die Hauptfiguren Penelope (Salome Kammer) und Odysseus (Thomas Laske) dargestellt wird (Inszenierung: Reinhild Hoffmann). Penelope sitzt am Rande des Orchestergrabens und webt unaufhörlich mit ihren Händen Bindfadenmuster, während Odysseus auf einem hängenden Podest in die Ferne schaut.

Isabel Mundry geht es nicht um das eigentliche Geschehen der Odyssee, sondern um Subtileres, was sie bei intensiver Beschäftigung mit dem Stoff zwischen den Zeilen gefunden hat. Sie thematisiert das, was nicht nur für die Figuren der Odyssee, sondern für den Menschen generell Bestand hat: die Wahrnehmung von Raum und Zeit, das Erinnern und Vergessen, Verlust der Orientierung, Fremdheit und Gewohnheit. Vor allem die Musik der 1963 geborenen Komponistin verdeutlicht diese Aspekte auf eindrucksvolle Weise. Sie macht Raum und Zeit für das Publikum erfahrbar, indem sie das Orchester auf obere Ränge und Logen, Bühne und Orchestergraben verteilt. Ein unaufhörliches Pulsieren, An- und Abschwellen, Atmen in die Instrumente scheint aus allen Richtungen zu kommen und demonstriert innere Körperlichkeit und äußere Phänomene wie Meer und Sturm. Die Musik wird dadurch zum bestimmenden Moment für das Geschehen auf der Bühne.

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Dem Gesang an sich wird keine zentrale Rolle zugewiesen, so dass Odysseus erst im letzten Teil der Oper zur Sprache gelangt und ansonsten durch eine Trompete (Marco Blaauw) dargestellt wird. Aber auch Penelope muss erst zu ihrer Stimme finden, die von hochgezerrten Akkordeonklängen (Teo Anzellotti) vertreten wird. Zunächst hört man nur ihren Atem, ein Suchen nach Worten, Stammeln von Buchstaben, Seufzen und Ächzen, dann klagend gehaltene Töne, die von Akkordeon und Orchester dermaßen durchdrungen sind, dass man sie schwerlich zuordnen kann. Ein ungeheuer feinsinniges Gespür von Salome Kammer (vor allem bekannt durch Stimmexperimente in zeitgenössischem Repertoire) und Orchester unter der Leitung Peter Rundels.

Episoden wie Odysseus' Irrfahrt und Heimkehr, Penelopes Warten in Ithaka und der Trojanische Krieg werden durch das Bühnenbild, an dem vier Absolventen der Universität der Künste mit ihrem Professor Hartmut Meyer arbeiteten, nur symbolhaft angedeutet und erinnern zuweilen an Science-Fiction-Phantasien: Aus einem von der Decke schwebenden Luftkissenwürfel wächst ein projiziertes Zyklopenauge. Aktuelle Bezüge schaffen die aus dem Boden ragenden, mobilen Regale mit steril verpackten Herrenhemden als Auslegware. Sie zeichnen gleichzeitig das Bild einer versinkenden Ausgrabungsstätte. Durch die in Sturmmasken vermummten Bühnenmusiker des ensemble recherche fühlt man sich in diesen Tagen dem 11. September noch ein Stückchen näher und hat die Orientierungslosigkeit und Unsicherheit nicht nur der Gestalten Homers vor Augen.

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Mythische Figuren wie Athene, Hermes, Kirke und Teiresias werden allesamt durch Kai Wessel (lupenreiner Altus) mal im voluminösem Reifrock mit Kriegshelm, mal im Domina-Kostüm verkörpert. Nicht unerwähnt sollten auch die Tänzer bleiben, die als Widerpart die Gefährten des Odysseus (wie er in kobaltblauen Anzügen) oder mit Comic-Masken die Freier im Hause Penelopes agieren, während keine stimmlichen, sondern rein instrumentale Passagen erklingen.

Es ist nicht zuletzt wegen der ganz eigenen Musiksprache und deren hervorragender Umsetzung ein lohnenswertes Wagnis, Isabel Mundrys geschaffene Perspektive der Helden der Odyssee einzunehmen.



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