7. März 2005
Heilig-Kreuz Kirche

Dolby Surround Analog

Eine Inszenierung im Rahmen der Maerzmusik

Programm

Mauricio Kagel
Der Turm zu Babel - Melodien für eine Solostimme (2002) UA des vollständigen Zyklus

Jan Kopp
Gewiss für 6 Stimmen (2005) UA/AW Neue Vocalsolisten

Vadim Karassikov
Pleats of Noon für 5 Stimmen (1998)

George Aperghis
Petrrohl für 6 Stimmen (2001)

Mitwirkende

Neue Vocalsolisten Stuttgart
Wilhelm Matejka: Moderation

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Dolby Surround Analog

Eine Inszenierung im Rahmen der Maerzmusik

Von Nancy Chapple

"Wohlan, lasst uns herabfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass sie einer des anderen Sprache nicht mehr verstehen!"

Diese Worte aus der Genesis sind die Grundlage von Mauricio Kagels 18 Gesängen in 18 Sprachen. Diese Geschichte um den Turmbau von Babel wird in 18 Sprachen von Deutsch bis Esperanto erzählt. Jeder Gesang wird Solo von einer Stimme vorgetragen. Dabei wurden geschickt die baulichen Besonderheiten des Veranstaltungsortes, der Heilig-Kreuz-Kirche, ausgenutzt. Die Sänger und Sängerinnen stiegen für jeden ihrer Einsätze höher auf den Treppen und Podesten der Kirche. Die Tongebung ist diatonisch und für die Stimmen gut geeignet, es gibt weder Sprünge noch plötzliche Stimmungswechsel sondern schrittweise Bewegung innerhalb relativ kleiner Intervalle. Durch die Vielsprachigkeit der Texte konzentrierten wir uns weniger auf die Worte selbst, sondern viel mehr auf den Raum, die Stimmen, die Weitergabe von einer Stimme zur nächsten. Die a cappella Stimmen waren rein, und die dem Stück inne liegende Spannung entstand in erster Linie durch die Choreographie.

Neue Vocalsolisten Stuttgart

Für die drei Werke der zweiten Konzerthälfte mussten zunächst die Stühle umgestellt werden. Der mit wienerischem Charme und Witz durch das Programm führende Wilhelm Matejka wies uns vor Jan Koops Gewiss zwar auf die Quelle - einen Text von Kafka - hin, verriet uns jedoch nicht den Text als solchen. Während der Darbietung konnte man dann zwar Silben, einzelne Wörter oder selten auch Bruchstücke von Sätzen ausmachen, aber die Betonungen lagen - gesangsuntypisch - fast ausschließlich auf den Konsonanten und ganz besonders auf "Zischlauten", so dass es unmöglich war, einen zusammenhängenden Sinn auszumachen. Das Ensemble trug das gefällige, sehr ruhige Stück mit großer Inbrunst und Einsatz vor und man erkannte das hervorragende Zusammenspiel der Stimmen. Im Anschluss erfuhren wir im Gespräch mit dem Komponisten, dass der gesamte Kafka-Text aus nur vier Zeilen besteht, die wir insgesamt "10- oder 11mal" gehört hatten. Koop hatte sich bei der Komposition die Frage gestellt, "wann beginnen Lautfolgen beim Zuhörer einzurasten?"

Was soll man über ein Stück berichten, das aus 10 Minuten Schweigen besteht? Bei Karassikovs Pleats of Noon bewegen die Sänger zwar gelegentlich die Lippen und zwei oder drei Mal ist auch ein piepsiger Laut zu vernehmen, aber ansonsten hört man einfach nichts. Laut Komponist handelt es sich um ein "ekstatisches, enthusiastisches Schweigen" und die Mimik der Sänger "in einer Art Trance" hatte vielleicht auch seinen Reiz, aber insgesamt war es denn doch mehr ein Test, wie lange ein Publikum von 400 Menschen es schafft, mucksmäuschenstill zu verharren. Applaus für die Leistung des Publikums, weniger für das Stück.

Nach den bisher sehr ruhigen Klängen konnten die Mitglieder der Stuttgarter Vokal-Solisten bei George Aperghis Petrrohl endlich auch rhythmisch aus sich herausgehen. Körpersprache und Gestik der Hände verrieten die Freude der Sänger am gemeinsamen Musizieren. Stimmen wurden übergeben, gemeinsam Phrasen gestaltet, Klänge moduliert. Ein schöner Abschluss eines großartigen Ensembles, das den Mut hat, Neues und vielleicht auch Unbequemes zu versuchen. Das kundige und offene Berliner Maerzmusik-Publikum hat es ihnen gedankt.



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