4. März 2005
Haus der Berliner Festspiele

Optik schlägt Akustik

Auftakt der Maerzmusik 2005

Programm

David Moss
Before Time Begins - for massed voices (2005) - UA

György Ligeti
Poème Symphonique für 100 Metronome (1962)

Conlon Nancarrow
Study No 7 for Player Piano (arr. Yvar Mikhashoff)

John Cage
Sonatas 1, 2, 5, 6 & 12 aus Sonatas & Interludes für präpariertes Klavier (1946-1948)

Boards of Canada
Disintegrations 2: Pete standing alone aus "Music Has the Right to Children" (arr. David Horne)

Mira Calix
Nunu (2005) - UA der Version mit Instrumenten (arr. Sound Intermedia)

Aphex Twin
Disintegration No 3: afx237 v. 7 aus Drukqs (arr. David Horne)

Karlheinz Stockhausen
Spiral für einen Solisten mit Kurzwellenempfänger (1968)

Charles Ives
The Unanswered Question für Kammerorchester (1906)

György Ligeti
Kammerkonzert für 13 Instrumente (1969/1970)

Squarepusher
Port Rhombus (arr. Morgan Hayes)

Squarepusher
Disintegrations 1: The Tide aus Budakham Mindphone (arr. David Horne)

Mitwirkende

David Moss
London Sinfonietta

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Optik schlägt Akustik

Auftakt der Maerzmusik 2005

Von Werner Friedrich

Prachtvolle Stimmung und ein voller Saal im Haus der Berliner Festspiele zum Eröffnungskonzert der MaerzMusik 2005 am Freitag Abend. Vor verschlossenen Saaltüren noch die amüsant-harmlose partizipatorische Kunstausübung unter David Moss mit Sängern und Laien, dann folgte bald der Einlass zu Ligetis Poème symphonique, dem durch das Fehlen seiner eigentlichen Protagonisten - 100 Metronome sollten auf der Bühne vor sich hin- und herticken - leider aller Charme abging. Statt dessen wurden Metronomzungen auf eine Leinwand hinter der Bühne projiziert, womit das eigentliche Zentrum des gesamten Konzerts bereits ein für allemal feststand. Denn vor einer Leinwand konnte sich keine lebende Person und kein akustisches Ereignis mehr durchsetzen. So wie Karl Kraus sich einst darüber erregte, dass ein Ereignis erst dadurch zu einem solchen werde, wenn es in der Zeitung stehe, wurde im Eröffnungskonzert des Festivals die Musik zur Staffage, während eine wie auch immer geartete "Visualisierung" auf der Leinwand alle Aufmerksamkeit auf sich zog. Dass Ligetis intelligente Installation durch die Verstärkung im Raum auch akustisch völlig entstellt wurde, schien nicht mehr wichtig. So sah sich im Publikum auch niemand veranlasst, seine Gespräche einzustellen; man glotzte und unterhielt sich weiter, das Ticken und Knacken störte nur unwesentlich.

And so on: Auch das hörenswerte Arrangement von Conlon Nancarrows Study No 7 for Player Piano wurde von einer zeitgeistig-trashigen Video-Projektion überlagert, die weder etwas mit der Musik zu tun hatte, noch den Hörer zu ihr führte. Denn das wäre es ja, was den optischen Reiz rechtfertigen würde: Dass beide Bereiche einander spiegeln, so dass man gerade durch das Visuelle auch mehr hört als ohne. Vor allem aber war die Visualisierung zumeist derart unspezifisch, derartig konfektionsmäßig, dass man unweigerlich an die handelsüblichen Media-Player erinnert war. Ob nun die Komponisten Stockhausen oder Squarepusher hießen, alles war geprägt von einer unspezifischen, bedeutungsarmen Optik, die einen ratlos machte. Wenigstens blieben einem in Cages Sonatas & Interludes für präpariertes Klavier solche zweifelhaften Bereicherungen erspart.

Wie sehr die Konfrontation der "20th Century Masters" mit der Musik eines Schallplattenlabels aus dem "kulturellen Kontext der DJ-Kultur" gelungen war, lässt sich kaum sagen, weil letztere - das Höhlengleichnis lässt grüßen - nur in Form von Arrangements zu hören war. Was man akustisch an harmlosen repetitiven, manchmal rhythmisch pointierten Abläufen wahrnehmen konnte, wenn einen die Leinwand nicht zu sehr störte, scheint kaum mit den Hymnen in Einklang zu bringen, die das Programmbuch seitenweise in Insidersprache anhäufte ("akribisch kartographierter Kosmos der Klanginformationen").

Matthias Osterwold ist es hoch anzurechnen, dass er die London Sinfonietta nach langer Zeit wieder einmal nach Berlin brachte. Allein, ganz glücklich wurde man mit dem Ensemble nicht. Die Musiker spielten sauber und ordentlich, ließen aber an Vitalität zu wünschen übrig und schienen ihren kontinentalen Kollegen aus Frankreich, Deutschland und Österreich doch um einiges unterlegen. Kein Stück, das den musikalisch-optischen Geniestreichen wie Differenz/Wiederholung 2 von Komponisten wie Bernhard Lang, wie sie das Wiener Klangforum unter Sylvain Cambreling zu realisieren versteht, auch nur nahe gekommen wäre. Stattdessen stimmte es ein wenig traurig, dass sich die Musiker derart an die Übermacht des Visuellen glauben verkaufen zu müssen, um im gnadenlosen Kunstbetrieb bestehen zu können.



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