11. Februar 2005
Staatsoper Unter den Linden

Furioser Tod im Orchestergraben

Leoš Janáčeks Katja Kabanowa an der Staatsoper Berlin

Programm

Leoš Janáček
Katja Kabanowa

Mitwirkende

Staatsoper Unter den Linden
Musikalische Leitung: Julien Salemkour
Inszenierung: Michael Thalheimer
Bühnenbild: Olaf Altmann
Kostüme: Michaela Barth
Licht: Franz Peter David
Chöre: Eberhard Friedrich
Dramaturgie: András Siebold

Dikoj: Jaco Huijpen
Boris: Stephan Rügamer
Kabanicha: Ute Trekel-Burckhardt
Tichon: Burkhard Fritz
Katja: Melanie Diener
Kudrjasch: Pavol Breslik
Varvara: Katharina Kammerloher
Kuligin: Matthias Vieweg
Glascha: Carola Nossek
Fekluscha: Borjana Mateewa

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Furioser Tod im Orchestergraben

Leoš Janáčeks Katja Kabanowa an der Staatsoper Berlin

Von Melanie Fritsch / Fotos: Monika Ritterhaus

Katja Kabanowa: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Im Kalinow an der Wolga erträgt die junge Kaufmannsfrau Katja Kabanowa das strenge herzlose Regiment ihrer Schwiegermutter, der alten Kabanicha, nicht mehr. Trotz eines Treueschwures, den sie ihren Ehemann Tichon bat ihr abzunehmen, betrügt sie ihren gewalttätigen, willensschwachen Mann während dessen Abwesenheit mit ihrem Geliebten Boris. Da Katja aber auch eine zutiefst fromme Frau ist, gesteht sie, von Schuldgefühlen zermürbt, den Ehebruch vor allen Leuten ein und stürzt sich schließlich in die Wolga.

1918 wurde Alexander N. Ostrovskijs Drama Grosa (Das Gewitter) in der Übersetzung von Vincenc Cervinka erstmals auf Tschechisch publiziert. Václav Jirikovskij, damaliger Direktor des Nationaltheaters Brno, schlug es Janácek zusammen mit zwei weiteren Sujets zur Vertonung vor. Dieser kannte das Drama seit 1902 und hatte, fasziniert von der russischen Kultur, keine Zweifel an seiner Wahl. Er komprimierte die fünf Akte der Vorlage auf drei und strich einige Figuren. Dadurch konzentrierte er die Handlung auf die entscheidenden Momente des Dramas: die Abfahrt Tichons vor dem Hintergrund der bedrückenden Atmosphäre des Kabanov-Hauses, den Betrug Katjas und die daraus folgende Krise bei der Rückkehr des Gatten, das Geständnis des Betruges und schließlich Katjas Selbstmord. Am 23. November 1921 wurde die Oper in Brno am Nationaltheater uraufgeführt und wurde ein voller Erfolg. Janácek bediente sich in dieser Oper einer extrem verdichteten musikalischen Sprache, die immer wieder die Stimmungen der handelnden Personen aufnimmt und als musikalische Prosa die verschiedenen Realitäten des Stücks direkt erfahrbar macht.

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Regisseur Michael Thalheimer spiegelt diese Dichte auch in seiner ersten Operninszenierung. Nichts Unnötiges stört den unaufhaltsamen Fluss des Geschehens, keine retardierenden Schnörkel oder Schlenker unterbrechen Katjas Weg ins Verderben. Szenische Kommentare sind auch völlig überflüssig, der bei einer Aufführungsdauer von ca. eineinhalb Stunden kurzweilige Abend trägt sich musikalisch gänzlich selbst. Aus dem Orchestergraben strömt unter der musikalischen Leitung von Julien Salemkour zurückhaltend die "sprechende Musik" Janáceks; leider oft etwas zu zurückhaltend und dadurch nicht so scharf konturiert wie es möglich wäre.

Die von einem riesigen mondartigen Ball und einer sich beinahe unmerklich, aber ebenso unaufhaltsam gen Bühnenrand hin zuklappenden Blümchenwand dominierte Bühne sowie die Kostüme sind angenehm unaufdringlich. Gerade diese Kargheit sorgt für die Konzentration auf das tragische Geschehen um Katja, das sich wie jene Wand langsam aber sicher gen Bühnenrand hin voranschraubt. Das Ensemble passt sich in dieses Konzept gut ein, Melanie Diener präsentiert eine stimmstarke, völlig in ihrer aussichtslosen Lebenssituation gefangene Katja, deren Leben in einem sich immer bedrohlicher schließenden Raum um einen Küchenstuhl herum stattfindet, auf dem sie wie festgenagelt sitzt. Ute Trekel-Burckhardts Kabanicha ist die personifizierte böse Schwiegermutter, die man keinem an den Hals wünscht und die ihren Sohn Tichon (Burkhard Fritz) diktatorisch beherrscht. Ein stimmlich wunderbar harmonierendes Paar sind Pavol Breslik als Lehrer Kudrjasch und Katharina Kammerloher als Varvara.

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Der große Einfall des Abends jedoch ist das furiose Ende Katjas in der Wolga: Der Orchestergraben wird heraufgefahren und versinkt mitsamt Katja wieder im Untergrund, während Ehegatte und Schwiegermutter ungerührt aus den Proszeniumslogen zusehen. Schöner, aber auch kaum anklagender kann man den Tod in den dahinströmenden Wellen der Wolga wohl nicht inszenieren.

Es ist eine kurzweilige, manchmal vielleicht für den verwöhnten Zuschauer auch optisch etwas langweilige weil karge Inszenierung, die Regisseur Michael Thalheimer auf die Bühne der Staatsoper gestellt hat. Dennoch funktioniert sie und hinterlässt vermittels ihrer unerbittlichen Dichte ein Gefühl der Beklemmung.



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