29. September 2005
Philharmonie

Fiesta in der Philharmonie

Die Junge Philharmonie Venezuela unter Gustavo Dudamel

Programm

Sergej Prokofjew
Symphonie Nr. 5 B-Dur op. 100
Dmitri Schostakowitsch
Festliche Ouvertüre A-Dur op. 96
Camille Saint-Saëns
Symphonie Nr. 3 c-Moll op. 78 (Orgelsymphonie)
Juan Bautista Plaza
Fuge criolla por percusión
Arturo Márquez
Conga
Oscar Lorenzo Fernández
Batuque
Nr. 3 der Orchestersuite Reisado do pastoreio
Silvestre Revueltas
Sensemayá

Mitwirkende

Junge Philharmonie Venezuela
Gustavo Dudamel - Dirigent
Orgel - Johannes Trümpler
Christian Schruff - Moderation

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Fiesta in der Philharmonie

Die Junge Philharmonie Venezuela unter Gustavo Dudamel

Von Katrin Kirsch

"The Power of Music" steht als Motto für die 3. Deutschlandtournee der Jungen Philharmonie Venezuela - ein passender Titel nicht nur für die Tour, sondern für das Projekt als solches. In diesem Orchester spielen die besten Kinder und Jugendlichen aus den 200 Orchestern in Venezuela, die einem Netzwerk angehören. Initiator des Konzepts ist UNESCO-Botschafter Juan Antonio Abreus. 1975 gründete er die Stiftung FESNOJIV, eine Staatsstiftung zur Förderung der nationalen Kinder- und Jugendorchester Venezuelas und erhielt dafür den alternativen Nobelpreis. Ziel der Stiftung ist es, Kinder und Jugendliche von der Straße zu holen und ihrem Leben einen neuen Mittelpunkt zu geben. Besonders Kinder aus sozialen Brennpunkten erhalten hier eine einzigartige Förderung, durch die Musik wird ihnen ein Weg gezeigt und eine Perspektive gegeben. Instrumente, Unterricht und Orchesterarbeit werden über die Stiftung finanziert. Alle spielen von Anfang an im Orchester mit, um die Freude des gemeinsamen Musizierens direkt zu erfahren, nicht erst nach Jahren des Einzelunterrichts. Mittlerweile sind in Venezuela ca. 240.000 Kinder und Jugendliche in 200 Jugendorchestern und 1000 Chören integriert - ein beispielloser Erfolg des musikpädagogischen Engagements, der mitfinanziert wird vom Ministerium für Soziales (nicht für Kultur!).

Doch nicht nur der pädagogische Erfolg ist groß, auch musikalisch konnte das Orchester auf sich aufmerksam machen. Von Claudio Abbado wurden sie in Caracas entdeckt und nach Berlin eingeladen. Wenn auch das erste Konzert kein großer Erfolg war - als Jugendorchester wurden sie von Presse und Publikum kaum wahrgenommen - der Funke sprang auf die Berliner Philharmoniker über, die seitdem regelmäßig in Venezuela unterrichten. Auf Einladung von Simon Rattle, der das Orchester 2004 erstmals dirigierte und die Schirmherrschaft für diese Deutschlandtournee übernommen hat, haben sie Konzerte und Workshops gegeben in Bonn, Hamburg, Münster, Essen, letzte Station ist Berlin. Geleitet wird die Junge Philharmonie Venezuela seit 6 Jahren von dem blutjungen Gustavo Dudamel, neuer Shooting-Star am Dirigentenhimmel, seit er den Gustav-Mahler-Dirigierwettbewerb der Bamberger Symphoniker 2004 gewann. Er ist umwerfend. Es gelang ihm mühelos, die über 200 jungen Musiker zu führen, die förmlich die Bühne der Philharmonie sprengten und diesmal vor ausverkauftem Haus spielten.

Entgegen der Ankündigung hatten sie sich entschlossen, mit Prokofjew zu beginnen, mit der 5. Symphonie, der "Kriegssymphonie". Dieses Werk, 1944 entstanden und uraufgeführt im Januar 1945, mit dem sich Prokofjew nach 16jähriger Unterbrechung wieder der symphonischen Form zuwandte, handelt wirklich "von der Größe des menschlichen Geistes": völlig überdimensioniert, effektvoll, aber unglaublich beeindruckend. Die von Moderator Christian Schruff gestellte Provokationsfrage "Können die das?" erübrigte sich schon nach kurzer Zeit. Sie meisterten die enorme Herausforderung hochkonzentriert und diszipliniert und trotzdem mit großer Spielfreude. Offensichtlich hörte man bestätigt, was in der Konzerteinführung angesprochen wurde: bei Prokofjew erkennen die Jugendlichen eher die Kraft der ihnen vertrauten Musik als z.B. bei Bach, der selten im Repertoire vorkommt. Die Moderationen allerdings spazierten auf dem schmalen Grat zu zuviel Pathos und schienen überflüssig, denn das Orchester brauchte keinen Stimmungsmacher, ihre lebendige Interpretation der Musik sprach für sich.

Es folgte Schostakowitschs Festliche Ouvertüre op. 96, ein Gelegenheitswerk, das für die Feier des 37. Jahrestages der Oktoberrevolution entstand. Beeindruckend war auch hier die Präzision und Konzentration des Orchesters, das im Presto-Teil ein aberwitziges Tempo vorlegte. Soviel Lebendigkeit, Spannung und dazu noch soviel Exaktheit kann man sich bei einem deutschen Jugendorchester schwer vorstellen. Ja, sie haben es geschafft, ernst genommen zu werden.

Dass das Orchester neben einem bombastischen Klangvolumen auch ein wundervolles Piano produzieren kann, konnten sie nach der Pause in Camille Saint-Saëns träumerisch schwelgender 3. Symphonie, der so genannten Orgelsymphonie, zeigen. Dabei tritt die Orgel zunächst gar nicht solistisch auf, sondern liefert nur einen satten Klangteppich für die Streicher. Im letzten der beiden Sätze allerdings setzt sie mit Macht ein, zusammen mit perlenden Klavierskalen endet die Symphonie wie ein rauschendes Fest, das eine passende Überleitung zum südamerikanischen Teil des Konzerts, der FIESTA, darstellte. Doch vorher wurde es dunkel auf der Bühne, Zeit für das Orchester zum Umziehen: raus aus den schwarzen Konzertklamotten und rein in die bunten Jacken in den venezolanischen Nationalfarben rot-blau-gelb. Werke von Revueltas und hierzulande eher unbekannten Komponisten wie Plaza, Márquez und Fernández standen auf dem Programm.

Eine junge Konzertbesucherin, die hinter dem Orchester saß und schon bei der Orgel-Symphonie begeistert mitdirigiert hatte, stand auf und fing an, sich im Rhythmus der lateinamerikanischen Musik zu bewegen. Aber das war dann doch zuviel Temperament für die Ordnungshüter in der Philharmonie, die die Frau mit Mühe überreden konnten, zu ihrem Platz zurückzukehren. Dabei blieb das Orchester auch nicht still sitzen: sie sprangen von den Stühlen auf, balancierten ihre Instrumente hoch über den Köpfen, drehten sich um die eigene Achse - eine grandiose Show mit hohem Spaßfaktor.

Zum Abschluss stimmte Gustavo Dudamel überraschend den Radetzky-Marsch an, den man so frisch und mitreißend lange nicht gehört hat, fast schien es, als wollte er uns zeigen: hey, das ist doch auch coole Musik, man muss nur etwas daraus machen! Das Publikum raste vor Begeisterung. Dass es danach nur noch eine Zugabe gab, lag wohl an dem sowieso schon überlangen Programm: um 23 Uhr verließ man erschöpft, aber glücklich den Konzertsaal mit dem Gefühl, etwas Unvergleichliches erlebt zu haben.



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