15. April 2004
Komische Oper Berlin

Eiszeit der Gefühle

Janáčeks Jenufa an der Komischen Oper

Programm

Leoš Janáček
Jenufa

Mitwirkende

Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung: Kirill Petrenko
Inszenierung: Willy Decker
Bühnen und Kostüme: Wolfgang Gussmann
Lichtgestaltung: Franck Evin
Choreinstudierung: Hagen Enke

Die alte Buryja: Diane Pilcher
Laca Klemen: Jürgen Müller
Stewa Buryja: Andreas Conrad
Die Küsterin Buryja: Karan Armstrong
Jenufa, ihre Stieftochter: Sinéad Mulhern
Altgesell: Nanco de Vries
Dorfrichter: Klemens Slowioczek
Seine Frau: Barbara Sternberger
Karolka, ihre Tochter: Elisabeth Starzinger
Eine Magd: Caren van Oijen
Barena: Susanne Kreusch
Jana: Christiane Hossfeld
Tante: Judith Utke

Die Chorsolisten und Kleindarsteller der Komischen Oper Berlin
Orchester der Komischen Oper Berlin

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Eiszeit der Gefühle

Janáčeks Jenufa an der Komischen Oper

Von Heiko Schon / Fotos: Monika Ritterhaus

Willy & Wolly stehen Seit' an Seit' für den gemeinsamen Auftrag: Willy will Musiktheater emotional und spannend erzählen; Wolly entwirft ihm dafür die passenden Bühnenbilder und Kostüme. Eine langjährige, kreative Synergie und Männerfreundschaft im Opernbusiness wie Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal. Hinter dem Branchennamen Willy & Wolly stehen Willy Decker und Wolfgang Gussmann. An der Spree hat das Duo erstmals 1992 gearbeitet. Nach der Inszenierung zur Uraufführung von Aribert Reimanns Das Schloss (Deutsche Oper, Wiederaufnahme am 15. Mai 2005) sollten elf Jahre vergehen, bis sich im November 2003 der Premierenvorhang für die zweite Berliner Arbeit - Janáceks Jenufa - hob.

Mit seiner Erarbeitung des mährischen Dorfdramas bleibt Willy Decker seinem Inszenierungsstil treu. Er befreit die Handlung von Naturalismus. Es gibt weder die Mühle noch ein Bauernzimmer. Dennoch wird der Plot von Decker nicht verfremdet oder mehrschichtig überfrachtet. Vielmehr beinhaltet sein Konzept eine psychologisch präzise Personenregie, die sich in den kargen Bühnenbilder Gussmanns voll entfaltet. Zu Beginn schaut man auf simplen, braunen Nährboden. Ideal zum Wachsen und Gedeihen. Doch dem Glück der schwangeren Jenufa werden alsbald Grenzen - sprich hohe Stellwände - gesetzt. Der enger werdende oder schräg angekippte Raum als Symbol von seelischer Verzweiflung zieht sich von nun an durch die gesamte Geschichte. Im zweiten Akt wird die eher innere Kälte mittels Eisschollen veranschaulicht, die bis an das Bett Jenufas heranreichen. Zur Hochzeit im dritten Akt liegen bereits die schweren Steine im Weg, mit denen später die aufgebrachte Dorfgemeinde die Mörderin zur Verantwortung ziehen möchte. Nach der Abführung der Küsterin stehen Jenufa und Laca mit dem Rücken zur vorgefahrenen Front. Hier geht es nicht mehr weiter. Die Wand öffnet sich zum Schlussduett nach hinten und beide laufen gemeinsam über dunkle Erde. Das Ende als Neubeginn.

Jenufa: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Sinéad Mulhern war die glaubwürdige Unschuld in Person. Sie legte die Titelrolle als leidenschaftlich vernarrtes wie verwirrtes Mädchen an, das zu neuer Hingabe und Vergebung fähig ist. Vermag Mulhern auch nicht alle Anforderungen ihrer großen Partie zu bestehen, so formt sie aus ihrer Jenufa doch ein stimmlich wie darstellerisch einfühlsames Porträt. Karan Armstrong spielte und sang sich schier das Leben aus dem Leib. Vom Regisseur eindrucksvoll gelenkt, ist ihre Küsterin eine von Wahn geprägte, zum Zeigen der eigenen Gefühle unfähige Frau. Ihr spröder Sopran mit erstaunlich kräftigen Attacken ergänzte dieses ergreifende Schauspiel aufs Vortrefflichste. Allein wie Armstrong oftmals nur mit den Händen in den Taschen über die Bühne schritt, zog sie mit ihrer Aura in den Bann. Überwältigend die Szene vor dem Kindsmord. Ebenso von grandiosem Format: Andreas Conrad als Stewa. Seine Auftritte waren geprägt von kraftvoller Stimme, intelligentem Spiel und deutlichem Vortrag. Jürgen Müller als Laca legte seinen Charakter gedankentief und energisch an. Auch seine Rolle überzeugte durch sängerische Souveränität. Diane Pilcher, Nanco de Vries und Susanne Kreusch rundeten eine durchweg fabelhafte Sängerriege ab. Die kurzen Chorszenen waren lebhaft bis impulsiv einstudiert. Homogenität? Kein Problem.

Und auch das Orchester unter Kirill Petrenko kann wieder nur über den grünen Klee gelobt werden: Petrenko setzt Janáceks Dreiakter gehörig unter Strom. Er peitscht mit Tempo durch die Partitur und dringt mit seinen Taktschlägen so weit in eisige Gefühlswelten vor, dass der Zuhörer im Sitz geradezu einfriert. Entlassen wird er erst mit den Harfenklängen der versöhnenden Schlussszene. Was für eine Farbgebung. Welch ein Temperament. Kein einziger Ton ging im Graben daneben. Diese Wiedergabe war einspielungsreif. Es zeugt von Petrenkos hervorragender Arbeit als Generalmusikdirektor. Was für ein Glück, dass der Dirigent gerade seinen Posten bis zur Spielzeit 2006/07 verlängert hat.

Vom beschämend leeren Zuschauerraum sollten sich alle Beteiligten nicht entmutigen lassen. Sie haben Großartiges vollbracht und lassen den Ensemblegedanken Walter Felsensteins weiterleben. Seitdem Albert Kost gehen musste, hat sich die neue Führung von anfänglichen Flops erholt (Die verkaufte Braut, Der Vogelhändler), kupferne Altlasten in hoher Zahl entsorgt und mit dem begonnenen Mozart-Zyklus einen künstlerischen Schwerpunkt gesetzt. Die Komische Oper hat keine Probleme mehr mit ihrem künstlerischen Profil. Es ist packend wie zeitgemäß und auf anhaltend hohem Niveau. Liegt etwa beim Marketing der Hase im Pfeffer?



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