16. September 2005
Konzerthaus Berlin

Wie klingt Staub?

Ein Programm aus dem 20. Jahrhundert mit der Jungen Deutschen Philharmonie

Programm

Claude Debussy
Prélude à l'après-midi d'un faune
Alban Berg
Konzert für Violine und Orchester
Helmut Lachenmann
Staub
Claude Debussy
La mer - Drei sinfonische Skizzen

Mitwirkende

Junge Deutsche Philharmonie
Sylvain Cambreling - Dirigent
Christian Tetzlaff - Violine

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Wie klingt Staub?

Ein Programm aus dem 20. Jahrhundert mit der Jungen Deutschen Philharmonie

Von Fabienne Krause / Foto: Alexandra Vosding

"Das Wichtigste, was Musik überhaupt im Stande ist zu leisten, ist Menschen zusammenzubringen", so Simon Rattle. Der 16.09. im Konzerthaus war so ein Abend, an dem sich diese Weisheit bewahrheitete. Dort versammelten sich die Junge Deutsche Philharmonie unter der Leitung Sylvain Cambrelings und der Sologeiger Christian Tetzlaff. Das junge Bundesstudentenorchester setzt sich zusammen aus Studenten der 24 Hochschulen Deutschlands, die ihrem eigenen Anspruch nach immer wieder neues Repertoire erarbeiten und hochkarätige Dirigenten und Solisten einladen. Mit dem französischem Dirigenten Sylvain Cambreling, der internationale Erfolge an namenhaften Häusern feierte und mehrmals von der Zeitschrift Opernwelt zum Dirigenten des Jahres gekürt wurde, haben sie offensichtlich einen Glücksgriff getätigt. Ihm schien die Arbeit mit dem Jugendorchester wirklich am Herzen zu liegen, dirigierte mit vollem Einsatz und kündigte die jeweilige Stimmung des kommenden Stücks mit eindeutiger Mimik an. Das Orchester reagierte könnerisch und bereitwillig, so dass der Eindruck einer homogenen, herrschaftsfreien Zusammenarbeit entstand, bei der Spielfreude und Glaubwürdigkeit des musikalischen Vortrags vorrangig waren.

Dabei hatten sie sich wirklich kein gewöhnliches Programm ausgesucht: Debussys Stimmungsbilder Prélude à l'après-midi d'un faune und La mer umrahmten die eher unter dem Motto "Verfall" stehenden Werke Alban Bergs (Konzert für Violine und Orchester) und Helmut Lachenmanns (Staub für Orchester). Was diese drei Komponisten und ihre Werke verbindet, findet man wohl am ehesten in deren Kunstdenken: Vorhandenes soll nicht einfach reproduziert werden, sondern in der Weise verarbeitet werden, dass etwas Neues entsteht. Waren Debussys Werke an diesem Abend die eingängigsten und für unser Ohr vertraut, schufen sie als Übergang von der Romantik zur sogenannten Neuen Musik eine Sprache, die von neuer impressionistischer Klangfarbe und hoch differenzierter Rhythmik geprägt war. Dies zu vermitteln, gelang dem Orchester im fein nuancierten Spiel.

Christian Tetzlaff

Alban Bergs Violinkonzert Dem Andenken eines Engels, das er in seinem Todesjahr 1935 schrieb, ist Requiem für die Tochter Alma Mahlers und zugleich sein eigenes, denn die Uraufführung erlebte er nicht mehr. Es ist geprägt von höchster Expressivität, die Christian Tetzlaff vor allem im zweiten Teil (Allegro-Adagio), der Schilderung des Sterbens, eindrucksvoll mit exzessiver und treffsicherer Bogenführen vermittelte. Im Adagio, das den Choral Johann Ahles (auch in der Kantate O Ewigkeit, du Donnerwort von Johann Sebastian Bach) zitiert, bestach Tetzlaff mit schmerzhaft klarem Ton.

Mit Helmut Lachenmanns Staub wurden die Tränen aber schnell getrocknet. Eigentlich sollte das Werk 1985 zu einem Festkonzert als Prolog zu Beethovens Neunter erklingen, was aber an angeblicher Unzumutbarkeit scheiterte. In Auseinandersetzung mit der Beethoven-Rezeption des 20. Jh. entstand Lachmanns Komposition als 'Musique concrète instrumentale', bei der er die Technik der 'Musique concrète' (musikalische Collagen aus Alltagsgeräuschen) auf reale Instrumente überträgt. Die Junge Deutsche Philharmonie konnte in perfektionistischer Kleinstarbeit unter Beweis stellen, dass man Orchesterstaub wirklich hören kann. Unglaublich, was man aus normalen Orchesterinstrumenten für Geräusche hervorlocken kann!



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