7. September 2005
Deutsche Oper Berlin

Was Sie über Hexen wissen sollten

Humperdincks Märchenoper an der Deutschen Oper

Programm

Engelbert Humperdinck
Hänsel und Gretel

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Markus L. Frank
Inszenierung: Andreas Homoki
Spielleitung: Jasmin Solfaghari
Bühne und Kostüme: Wolfgang Gussmann
Choreinstudierung: Karl-Ludwig Hecht (Knabenchor Berlin)

Peter, Besenbinder: Lenus Carlson
Gertrud, sein Weib: Lucy Peacock
Hänsel: Marina Prudenskaja
Gretel: Cornelia Zach
Die Knusperhexe: Ute Walther
Sandmännchen / Taumännchen: Tina Scherer

Knabenchor Berlin
Bewegungschor der Deutschen Oper Berlin
Orchester der Deutschen Oper Berlin

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Was Sie über Hexen wissen sollten

Humperdincks Märchenoper an der Deutschen Oper

Von Heiko Schon

Mama, wann kommt denn die Hexe? Kleine Kinder in Veranstaltungen sind für den regelmäßigen Opernbesucher ein rotes Tuch. Aber es ist ja 1. Weihnachtsfeiertag. Da fallen solche Fragen schon während der Ouvertüre. Es wird Süßkram vom Weihnachtsteller ausgepackt. Das Stillsitzen fällt schwer. Was soll's, damit muss man zur besinnlichen Jahreszeit eben rechnen. Und obwohl die Geschichte an sich mit Weihnachten überhaupt nichts zu tun hat, eignet sich gerade DIE Märchenoper dazu, mit der ganzen Familie nach dem Gänsebraten anzurücken.

Andreas Homoki

Andreas Homoki inszenierte 1997 Humperdincks Opernerstling im Haus an der Bismarckstraße, lange bevor er die Leitung der Komischen Oper übernahm und als "Enkel von Felsenstein" seine künstlerische Heimat fand. Homokis Deutungen galten seit seinem Durchbruch mit der Inszenierung von Die Frau ohne Schatten (Genf, 1992) als fantasiebeladene Visionen, als Fabeln im modern-zeitlosen Gewand. Hänsel und Gretel steht exemplarisch dafür.

Brüderchen und Schwesterchen tanzen unbeschwert bis übermütig einmal hin, einmal her, als die Haustür aufknallt: Mama, ist das die Hexe? Nein, es ist (die stimmlich stark verbrauchte) Lucy Peacock als Mutter Gertrud. Die Mutter - schon durch Humperdinck trübsinnig charakterisiert - sieht Homoki als depressiv-verbitterte Frau, der die Lebensumstände im grauen Alltag über den Kopf gewachsen sind. Diese Partie ist alles andere als eine Abräumerrolle. Nicht ganz so stiefmütterlich gerät die Zeichnung des Vaters. Peter, der Besenbinder, trinkt ganz gerne mal einen über den Durst. Homoki deutet hier sehr subtil an, was sich vereinzelt in Familienhaushalten abspielen könnte. Die Suche nach den Kindern startet, die Hexe huscht mehr als sie reitet und Hänsel weiß den Weg nicht mehr. Dies läuft dank der geschickten Bühnenbauten von Wolfgang Gussmann ab wie am Schnürchen: Zwei vordere Stellwände schieben die braun-abstrakte Hütte der Familie zu, assoziieren den Gang durch den Wald und geben schließlich den Blick auf eine Lichtung frei. Hier gelingt Homoki der erste große Wurf. Zur Traumpantomime seilt sich ein großer Halbmond aus dem Schnürboden, an welchem das zu einer Gestalt verschmolzene Sand- / Taumännchen (matt: Tina Scherer) hängt. Etwa ein Dutzend Clowns springen nach dem Abendgebet hinter dem Mond hervor und erfüllen den Geschwistern den Traum von der glücklich vereinten Familie. Ein tragikomischer, rührender Augenblick.

Nach der Pause klappt ihr (angedeutetes) Häuschen auf, es fallen rote Geschenkpakete heraus und sie hat endlich ihren großen Auftritt: Ute Walther als Rosina Leckermaul. Rein spielerisch ist ihre Hexe einfach nur köstlich. Walther flitzt mit giftgrüner Irokesenfrisur so herrlich tumb und schön schrullig über die Bühne, dass diese Xanthippe mehr Komik als Angst und Schrecken verbreitet. Doch der Spaß währt nicht lang: Zum Happyend steht sie nur noch als Spekulatius in der Menge befreiter Sprösslinge. Das alles geht über den Rahmen des Dekorativen weit hinaus. Die Inszenierung Homokis wartet mit bestem Timing, klugen Einfällen und jeder Menge Charme auf. Davon durfte sich auch schon das Publikum der Oper Frankfurt überzeugen, die Homokis erfolgreiche Arbeit vor ein paar Jahren übernahm.

Intendanten lieben dieses Werk aus zweierlei Gründen: Erstens garantiert es zur Adventszeit eine volle Bude. Zweitens ist es leicht mit Sängern aus dem hauseigenen Ensemble zu besetzen. Oder vielleicht doch nicht? Denn was die Szene als Traum verspricht, löste keiner der Sänger ein. Ute Walther verkaufte (ähnlich wie Lucy Peacock) die Aneinanderreihung von scharfen Höhen als Gesang. Marina Prudenskajas Hänsel klang genauso ausdruckslos und brüchig wie Cornelia Zachs Gretel. Zudem schienen beide mit der Intonation auf Kriegsfuß zu stehen. Wenigstens Lenus Carlson konnte als Vater mit knorriger Deutlichkeit punkten. Ansonsten sind die Übertitel - und das ist neu bei deutschen Werken an der DOB - überaus hilfreich. Das Spiel des Orchesters war erneut durchzogen von einigen Patzern. Markus L. Franks Dirigat vermochte eher bei den strömenden Melodien als beim großen Orchesterklang zu überzeugen. So, genug gemeckert. Ist doch Weihnachten.



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