31. August 2005
Konzerthaus Berlin

Eine Meisterin der Improvisation

Gabriela Montero im Konzerthaus

Programm

Johann Sebastian Bach/Ferruccio Busoni
Chaconne aus der Partita für Violine solo
Sergej Rachmaninow
Prélude G-Dur op. 32/5
Frédéric Chopin
Scherzo Des-Dur, op. 31
Franz Liszt
Mephisto Walzer Nr.1

Mitwirkende

Gabriela Montero - Klavier

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Eine Meisterin der Improvisation

Gabriela Montero im Konzerthaus

Von Katrin Kirsch / Foto: EMI Classics

Gabriela Montero ist die neue Ausnahmepianistin. Ihre erste und brandneue CD, die sie derzeit promotet, ist ein Doppelpack wie die Künstlerin auch: auf der einen Hälfte spielt sie Kompositionen von Rachmaninow, Skriabin, Liszt, Chopin u.a., auf der anderen improvisiert sie - was im Jazz selbstverständlich ist, im klassischen Konzertsaal jedoch eine Sensation.

Gabriela Montero

Ihr Konzertprogramm besteht aus nur vier Stücken: der Busoni-Bearbeitung von Bachs Chaconne aus der Partita für Violine solo, Rachmaninows Prélude G-Dur op. 32/5, Chopins 2. Scherzo und dem Mephisto Walzer Nr.1 von Franz Liszt. Dazwischen improvisiert sie auf Zurufe aus dem Publikum über so unterschiedliche Melodien wie Summertime, No Woman, No Cry, Brindisi aus La Traviata und zum Schluss Guten Abend, Gut' Nacht. Zu Beginn erklärt sie dem Publikum, dass alles, was sie spielt, einfach passiert. Sie kümmert sich wenig um Formen und Harmonien. Ihre Improvisationen entstehen nicht aus einer geistig-theoretischen Höchstleistung, sondern sie lässt sich einfach treiben. Ein Naturtalent, wie es selten vorkommt.

Anfangs reagiert das Publikum etwas zögerlich auf ihre Aufforderung "Give me a theme", dann meldet sich ganz zaghaft ein Herr aus den hinteren Reihen mit "B-A-C-H". Es dauert eine Weile, bis Gabriela Montero begreift, macht doch die Buchstabenfolge auf Englisch musikalisch nicht wirklich Sinn.

Von ihrer Improvisation über ein eigenes Thema zu Rachmaninow ist der Übergang fließend - auch das Prélude G-Dur spielt sie als wäre es eine eigene Improvisation, die ihr erst in diesem Moment in den Sinn käme - völlig in sich versunken sitzt sie am Klavier. Bevor sie dazu kommt, Chopin zu spielen, platzt ein mutig gesungener Zwischenruf mit der Melodie von Charpentiers Te Deum dazwischen. Jetzt hat das Publikum Gefallen gefunden an dem Spiel, es spielt mit und amüsiert sich wie selten im Konzertsaal. Da fällt es wenig ins Gewicht, dass das Scherzo ganz und gar nicht frei von Verspielern war und sie mit diesem nachträglich ins Programm genommenen Stück etwas überfordert wirkte.

Nun versucht Gabriela Montero aber nicht, Summertime so zu spielen, dass es nach Gershwin klingt, sondern macht etwas ganz Eigenes daraus, irgendwo zwischen Jazzelementen, klassizistischen und impressionistischen Klängen. Aus Frère Jacques macht sie keine Fuge, sie spielt es aber auch nicht wie ein Kinderlied, sondern es entsteht daraus ein wildes, energisches Stück, unterlegt mit einem Ostinatobass. Aus Charpentiers Te Deum wird ein romantisch gefärbter Trauermarsch mit Variationen - diese Frau ist einfach unglaublich.

Sie spielt ohne Pause, fragt zwischendurch nach der Uhrzeit, aber eigentlich sagt sie: "I could do this all night". Gabriela Montero wirkt, als fiele ihr das alles ganz leicht. Keine Spur von der "Einzelhaft am Klavier", sie hat einfach Spaß am Spiel. In Interviews erzählt sie, dass sie eine kindliche Freude und eine wunderbare Unbefangenheit beim Improvisieren empfinde, die ihr wiederum Inspiration für ihre Interpretationen gibt.

Geboren 1970 in Caracas, wo sie heute wieder lebt, gab sie mit fünf Jahren ihr erstes Konzert, mit acht spielte sie erstmals mit Orchester. 1995 gewann sie Bronze beim Chopin-Wettbewerb und erlangte damit internationale Aufmerksamkeit. Entdeckt wurde die Venezolanerin von Martha Argerich, nach deren Meinung es momentan kein größeres Klaviertalent als Gabriela Montero gibt.

Als Zugabe spielt sie noch etwas Musik aus ihrer Heimat, improvisiert einen Tango, der so einfallsreich und rund klingt, dass es schwer fällt zu glauben, er sei wirklich erst in diesem Moment entstanden. Beendet wird der Abend mit einem Venezolanischen Tanz - keine Improvisation, sondern eine Komposition eines Landmannes. Und sitzt Minuten später freundlich im Foyer, um Autogrammwünsche zu erfüllen.



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