26. Januar 2005
Deutsche Oper Berlin

Großer Abgang in drei Aufzügen

Die Frau ohne Schatten im Rahmen der Strauss-Festtage an der Deutschen Oper

Programm

Richard Strauss
Die Frau ohne Schatten

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Christian Thielemann
Inszenierung und Bühne: Philippe Arlaud
Kostüme: Andrea Uhmann
Assistenz-Regie: Knut Sommer
Chöre: Ulrich Paetzholdt

Der Kaiser: Glenn Winslade
Die Kaiserin: Deborah Voigt
Die Amme: Jane Henschel
Der Geisterbote: Lenus Carlson
Ein Hüter der Schwelle des Tempels: Lucy Peacock
Die Erscheinung eines Jünglings: Yosep Kang
Der Falke: Fionnuala McCarthy
Eine Stimme von oben: Cheri Rose Katz
Barak, der Färber: Franz Grundheber
Sein Weib: Luana DeVol
Der Einäugige: Yu Chen
Der Einarmige: Roland Schubert
Der Bucklige: Burkhard Ulrich
Dienerinnen: Robin Johannsen, Stephanie Weiss, Cheri Rose Katz
Kinderstimmen: Robin Johannsen, Stephanie Weiss, Gudrun Sieber, Andion Fernandez, Cheri Rose Katz
Stimmen der Ungeborenen: Robin Johannsen, Gudrun Sieber, Stephanie Weiss, Andion Fernandez, Jessica Miller, Cheri Rose Katz
Stimmen der Wächter der Stadt: Bernd Valentin, Harold Wilson, Piér Dalàs

Chor der Deutschen Oper Berlin
Orchester der Deutschen Oper Berlin

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Großer Abgang in drei Aufzügen

Die Frau ohne Schatten im Rahmen der Strauss-Festtage an der Deutschen Oper

Von Heiko Schon / Fotos: Bernd Uhlig

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Das Opernpublikum gilt als impulsive und mitteilungsfreudige Zuschauermasse. Da mischen sich tosende Bravorufe mit aggressiven Buhsalven. Dazu macht manch ein fassungsloser Besucher durch primitive Zwischenrufe seinem Ärger Luft. An diesem Abend war allerdings der Vorhang noch nicht ein einziges Mal hoch gegangen. Was war geschehen?

Der Kronprinz der deutschen Dirigentenelite, Christian Thielemann, betritt im Rahmen der Strauss-Festtage nicht mehr als GMD sondern als Gast den Orchestergraben. Nachdem Thielemann im Streit um die finanzielle Gleichstellung zwischen kanzlerbeschenkter Staatskapelle und dem Orchester der DOB gegenüber Kultursenator Thomas Flierl den Kürzeren zog, trat er von seinem Posten mit sofortiger Wirkung zurück und gab die musikalische Leitung der Premierenstaffel Manon Lescaut ab. Nun kehrte er für dieses prestigeträchtige Highlight zurück, um sich von seinem Berliner Publikum zu verabschieden. Doch während manche ihrem Liebling und dessen selbstlosen Kampf um Subventionen huldigen, kochen die Gefühle der Enttäuschten hoch: War der Protest doch nur eine One-Man-Show, um sich erhobenen Hauptes schnellstmöglich zu verabschieden? Lukrative Angebote soll Thielemann genug in der Schublade gehabt haben. Es gab also Theater im Theater, welches sich auch nach den Pausen und am Ende fortsetzte.

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Künstlerisch bot Thielemann und sein auf ihn eingespielter Klangkörper eine durchweg akzeptable, wenn auch nicht sonderlich herausragende Leistung. Die Dynamik war bestens kontrolliert; die Klangebenen verliefen makellos und auch dramatische Spannung kam nicht zu kurz. Aber steriler Oberflächenglanz kann keine glutvolle, blühende Seele ersetzen. Genau daran fehlte es leider. Am berückendsten gelangen die lyrischen Szenen. Und die gehörten fast ausschließlich der Kaiserin der merklich abgespeckten Deborah Voigt.

Voigts Sopran gehört zu jener Kategorie, die - wenn einmal in himmlisch hohen Sphären angekommen - ein voluminöses Leuchten der Töne erreicht. Mag da die Mittellage nicht im Verhältnis stehen und auch die Stimmfarbe nicht besonders schön sein, so vervollständigt die gewohnte Textdeutlichkeit und ihre erstklassige Bühnenaura ein Porträt, das derzeit führend in dieser Rolle sein dürfte. Als Ausnahmetalent erwies sich gleichfalls Jane Henschel. Von der ersten Sekunde an präsent, drängelt Henschel ihre Amme mit einer Gestaltung in den Vordergrund, die sich irgendwo zwischen effektheischend und mitreißend einpendelt. Ein kräftiges Vibrato und ihr dunkles Timbre passten sich hervorragend in den heimtückischen Charakter ein. Franz Grundhebers Färber war jedoch die eigentliche Sensation. Grundheber, vom Alter her schon längst im Stimmherbst angekommen, brillierte mit sonorer Stimmfarbe, Durchschlagskraft und klarer Textverständlichkeit. Luana DeVol (als stimmlich stark indisponiert angesagt) quälte sich merklich mit ihrer Färberin herum. Starkes Forcieren verhärtete DeVols Stimme in solchen Ausmaßen, dass hier ein Austausch nötig gewesen wäre. Anderseits besteht auch im schnellen Ersatz keine Garantie: Für den erkrankten Jon Frederic West sprang Glenn Winslade ein und biss sich - mit angegriffenem Tenor und ziemlich hässlichen Höhen - an der Partie des Kaisers die Zähne aus.

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Die Inszenierung darf als eine der geglückten Arbeiten von Philippe Arlaud gelten. Bevor Arlaud mit Tannhäuser (Bayreuther Festspiele) und Die tote Stadt (DOB) künstlerisch baden ging, überzeugte er 1998 mit dieser farbenfrohen und pompösen Opernmär. Typisch für Arlauds Regiestil sind die spektakulär gewaltigen Bühnenbauten. Zusammen mit detailverliebten Kostümen (Andrea Uhmann) und dieser phantastischen Partitur entsteht eine grandiose Symbiose, die das Werk als große und vor allem großartige Oper zeigt. Wer weniger auf Augenfutter à la Robert Wilson steht und mehr eine realistische oder gesellschaftskritische Ausleuchtung bevorzugt, sucht hier vergebens.

Thielemann hat vorerst seine künstlerische Heimat irgendwo zwischen München und Bayreuth gefunden. Kirsten Harms hat das Loch, welches der Maestro riss, noch nicht stopfen können. Ihre erste Bewährungsprobe wollte die Intendantin mit der Anfrage bei Marc Albrecht meistern. Doch dieser lehnte bereits dankend ab.



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