25. September 2005
Palazzo Farnese

Kleine Dinge, die uns entzücken

Hugo Wolfs Italienisches Liederbuch im Palazzo Farnese

Programm

Hugo Wolf
Italienisches Liederbuch

Mitwirkende

Judith Simonis - Mezzosopran
Jörg Schneider - Bariton
Philip Mayers - Klavier

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Kleine Dinge, die uns entzücken

Hugo Wolfs Italienisches Liederbuch im Palazzo Farnese

Von Ingo Bathow / Foto: Ingo Bathow

"Wir können auch anders", versprach die Ankündigung des KammermusikPodiums. Keine Drohung an die Zuhörer - gemeint sind vielmehr die solistischen Auftritte von Mitgliedern des Rundfunkchores Berlin in dem gut hundert Zuhörer fassenden modernen Saal des Palazzo Farnese. Den beachtlichen Saisonbeginn bildete die Auswahl aus Hugo Wolfs Italienischem Liederbuch mit der Mezzosopranistin Judith Simonis, Bariton Jörg Schneider und Philip Mayers am Bechstein-Flügel.

Simonis-Schneider-Mayers

Vor dem Hintergrund legendärer Sternstunden durch viele berühmte Paare, beginnend in der Aufnahmetechnik mit dem Auftritt von Elisabeth Schwarzkopf und Dietrich Fischer-Dieskau (mit dem Pianisten Gerald Moore) in der Carnegie Hall vor über vierzig Jahren, konnte sich das künstlerische Dreigespann im Palazzo Farnese durchaus mit einer eigenständigen Interpretation behaupten. Im Kontrast zu pietätvollen Gesamtaufführungen hatten die Künstler nämlich eine Auswahl von reichlich zwei Dritteln des Liederbuchs getroffen und damit eine Dramaturgie geschaffen, die ihren eigenen Ausdrucksfähigkeiten besonders entgegenkam.

Die sinnliche, in dunklen Klangfarben leuchtende Stimme von Judith Simonis wirkte besonders ergreifend in der Liebesklage, im Ausdruck der fast mütterlichen Sorge um den in den Krieg gezogenen Freund wie auch im ruhigen Fluss des Abschiedsliedes Nun lass uns Frieden schließen. Sie konnte auch anders - denn wenn es die dramatische Situation erforderte, konnte sie in bestimmten Registern die akustische Keule schwingen: "Schweig einmal still, du garst'ger Schwätzer dort!" Mitunter geriet sie etwas in Versuchung, Lautstärke statt Deklamation einzusetzen, wie etwa in der zierlichen Miniatur Auch kleine Dinge können uns entzücken - dafür gelang ihr mit religiösem Pathos die graduelle Steigerung aus der Tiefe zum schwelgerischen Prunk von "Wenn du, mein Liebster, steigst zum Himmel auf".

Geradezu komplementär dazu bestach Jörg Schneider mit immer klarer Textaussprache und einem elegischen Duktus, der auch begeisternd jubeln konnte (Ihr seid die Allerschönste weit und breit), aber in der Höhe nie zur Übermacht, sondern zur ausdrucksvollen Kopfstimme tendierte. Der Reiz seines Vortrags lag manchmal im Geheimnisvollen (Der Mond hat eine schwere Klag' erhoben) und vielfach im anbetend Hymnischen (Benedeit die sel'ge Mutter). Bewusster ironischer Übersteigerung diente das Fortissimo ("Christ soll ein jeder werden und dich lieben") beim Gedanken daran, dass sich die Geliebte als Heiligen-Ikone verewigen ließe. Weitaus subtiler - und pikanter - wirkte der Tagtraum des Liebhabers, sich in ein Mönchsgewand zu hüllen, um dem erkrankten Mädchen im Schlafzimmer die Beichte abzunehmen.

Zentraler Abschnitt des Konzerts, mit der Logik der Liebespsychologie gekonnt zusammengestellt, war die rapide Abfolge von Liedern über den täglichen Geschlechterkampf: Ein Mädchen hat Liebesverlangen (nach einem Musiker!), wird umworben, ziert sich, wird hämisch, es gibt Streit, dann eine Serenade, Frieden, glückliches Ende. Simonis konnte in der Rolle des kecken Mädchens, das "ein altes Männlein so von vierzehn Jahren" begehrt und das dem Freier verkündet, "ich bin verliebt, doch eben nicht in dich" das Publikum mehrfach zum Schmunzeln bringen. Dabei blieb sie freilich eher statisch und würdevoll dem Publikum zugewandt - "konzertant" bedeutete ja, dass sie dem Partner auch im "Dialog" stets die kalte Schulter zeigte und allenfalls dem Pianisten zulächelte. Ganz anders ihr Kollege Schneider, der den Gesang zu ihr gewandt stets mit lockerer Bühnengestik verband. Sicher hätte die unterhaltsame "Miniatur-Oper" auch von einer Mini-Regie profitiert.

Mehr als der Einfluss eines Orchesterchefs kam Philip Mayers bei der Gestaltung der Lieder zu. Die Modernität und Vielseitigkeit von Wolfs Musik teilte sich vollständig erst in der Klavierbegleitung mit. Post-Wagnerische Harmonien, manchmal an Isoldes Liebestod, bisweilen auch an Gustav Mahler erinnernd, und heute noch frisch und innovativ wirkende Modulationen wechselten ab mit lautmalerischen Farbtupfern von größter Sparsamkeit und Wirkungskraft. Mayers setzte nicht nur Tempi und Stimmung in den Vorspielen, sondern trug erheblich zum Humor bei. Er konnte in Du denkst, mit einem Fädchen mich zu fangen einen musikalischen Faden kreisen lassen und die Falle mit einem Schlag zuziehen, musikalisch den Sänger alle vier Extremitäten aus dem Bett strecken, das Haus wie in einem Lichterspiel glitzern oder das Herz des Liebenden langsam zum Stillstand kommen lassen. Für alle zu hören war in Wie lange schon war immer mein Verlangen das schräge Geigenspiel des vom Mädchen begehrten Musikers - nur schaffte es Mayers, das Geigenspiel so nachzuahmen, dass es zum ästhetischen Erlebnis wurde.

Fazit: Für einen Septembernachmittag von fast mediterraner Schwüle gelang allen drei Musikern eine Leistung, die auch vor Kollegen Bestand hatte, die einen Teil des Publikums ausmachten. Für den herzlichen Applaus hätte das Publikum ein kleines Dankeschön verdient, etwa mit dem vorher ausgelassenen, berühmten Schlusslied Ich hab in Penna einen Liebsten wohnen. Gewiss könnte auch das visuelle Element noch mehr in die Konzertvorbereitungen einbezogen werden. Ansonsten haben die Solisten mit ihrer Beweisführung, dass sie auch "anders können", sich und dem Rundfunkchor Berlin alle Ehre gemacht.



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