15. März 2005
Staatsoper Unter den Linden

Wenn die Messer stumpf sind

Dieter Dorns Elektra-Inszenierung an der Staatsoper Berlin

Programm

Richard Strauss
Elektra

Mitwirkende

Staatsoper Unter den Linden
Musikalische Leitung: Michael Boder
Inszenierung: Dieter Dorn
Bühne und Kostüme: Yannis Kounellis
Licht: Max Keller
Choreographische Mitarbeit: Martin Gruber
Chöre: Eberhard Friedrich

Klytämnestra: Uta Priew
Elektra: Elizabeth Connell
Chrysothemis: Anne Schwanewilms
Aegisth: Reiner Goldberg
Orest: Hanno Müller-Brachmann
Der Pfleger des Orest: Yi Yang
Die Vertraute / Die Schleppträgerin: Carola Nossek
Ein junger Diener: Gustavo Pena
Ein alter Diener: Bernd Zettisch
Die Aufseherin: Magdalena Hajossyova
1. Magd: Barbara Bornemann
2. Magd: Borjana Mateewa
3. Magd: Simone Schröder
4. Magd: Carola Höhn
5. Magd: Katherina Müller

Staatskapelle Berlin
Staatsopernchor

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Wenn die Messer stumpf sind

Dieter Dorns Elektra-Inszenierung an der Staatsoper Berlin

Von Heiko Schon

Still betreten die Dienerinnen vom Hofe Klytämnestras die Szene. Sie stellen sich unheilschwanger um den Ziehbrunnen auf und zücken die Messer gen Himmel. Einigen fällt der Mantel des erschlagenen Königs am anderen Ende der Bühne ins Auge. Ist etwas darunter? Eine Magd nimmt ihren ganzen Mut zusammen und reißt den Lumpen unter dem lautstark dröhnenden Agamemnon-Ruf - dem Auftakt der Oper - an sich. Nichts. Gähnende Leere. Dieter Dorn hat das sicher nicht als schlechtes Omen gedeutet. Aber dieser Beginn lässt sich im Nachhinein mühelos auf seinen kompletten Regieansatz übertragen.

Der Palasthof wird mit grauen, spiegelgleichen Seitenwänden, einer ausgebluteten Schweinehälfte und einigen grellen Lichteffekten als Ort des Schreckens gekennzeichnet. Schon allein dieses Bühnenbild zeugt von einigem Unverständnis hinsichtlich musiktheatralischer Wirksamkeit. Wenn sich Elektra ab und an in den mittleren Winkel zurückzieht, soll es vielleicht Enge, Unentfliehbarkeit oder Verborgenheit ausdrücken. Dem Beobachter vermittelt es eher den Eindruck, als ob die Titelheldin zum Schämen in die Ecke geschickt wurde. Auch das Auspacken besagter Schweinehälfte entbehrt nicht einer gewissen unfreiwilligen Komik. Der Auftritt Klytämnestras - eigentlich ein erregend diabolischer Höhepunkt - gerät im Abschreiten der schrägen Gänge zum aufgehangenen Opfertier zur Luftnummer. Dorn zeichnet die Charaktere introvertiert und einseitig. Personenführung heißt hier: Ewigliches Ablaufen in langweiligen Sackgewändern, möglichst mit einer Axt oder ähnlich scharfem Gerät in der Hand. Der Dämon Klytämnestra wird zur zahnlosen, messerfuchtelnden Alten, die Handlung zum spannungsarmen Kitsch degradiert.

Dagegen kämpfte Michael Boder mit der bestens aufgelegten Staatskapelle wacker an: Der Einakter erklang in voller akustischen Härte und schroffer Expressivität. Die massiven, vom Blech dominierten Tutti-Effekte, der schwarze Schauer der Partitur, die delikaten Piano-Passagen - all das wurde meisterhaft von Boder dirigiert. Die lautstarken, gelegentlich sängerunfreundlichen Klangeruptionen verabschiedeten den Zuhörer in taumelndem Zustand.

Die drei dominierenden Frauenrollen gelten aufgrund der riesigen Orchesterbesetzung (annähernd 120 Musiker) als die vielleicht schwersten Partien des dramatischen Repertoires. Mit Boders donnernder Interpretation hatte Anne Schwanewilms (Chrysothemis) anfangs einige Probleme. Im Laufe der Vorstellung bekam sie aber sowohl das Forcieren als auch das Herausschleudern hoher Töne gut in den Griff und setzte sich in den lichten Momenten des Strausschen Melos mit lyrischer Geschmeidigkeit durch. Ihr Spiel legte Schwanewilms mit Händeringen und rollend aufgerissenen Augen etwas zu plakativ an. Uta Priew bot eine kraftlose Leistung, blieb der Gestalt Klytämnestras den scharfen Charakter sowie eine entsprechende Deklamation schuldig. Das Potenzial dieser "Abräumer-Rolle", wie beispielsweise die Abgangsszene mit Gelächter und dem Brüllen nach Lichtern, wurde von Priew leider voll verschenkt. Elizabeth Connell konnte sich mit metallischem Glanz und mäßig breitem Vibrato als solide Elektra profilieren. Da die Regie für sie nur das Schreiten mit Beil oder das Hantieren mit Vaters Mantel vorsieht, konnte mehr als eine routinierte Körpersprache nicht erwartet werden. Diese konnte Connell aber mit mimischer Schadenfreude - etwa beim Dialog mit Klytämnestra - ausgleichen. Wermutstropfen ist eine auffällige Kurzatmigkeit, die Phrasierung und Intonation leiden ließen.

Hanno Müller-Brachmann ließ den Orest in gesanglicher wie spielerischer Hinsicht aus dem Damentrio herausragen. Sein Vortrag war intelligent, die Akzentuierung perfekt. Müller-Brachmanns Bariton war erfrischend unverbraucht und kernig. Als Angsthase Aegisth konnte Reiner Goldberg nicht wirklich punkten. Der Chor unter Eberhard Friedrich stellte erneut, in diesem insgesamt zwiespältigen Abend, seine hohe Klasse unter Beweis.

(Leider stellt uns die Staatsoper keine Fotos zur Verfügung)



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