28. November 2005
Philharmonie

Die Ruhe nach dem Sturm

Andrej Gavrilov und Yutaka Sado mit dem DSO

Programm

Sergej Rachmaninow
Klavierkonzert Nr. 3 d-Moll op. 30
Antonín Dvořák
Symphonie Nr. 8 G-Dur op. 88

Mitwirkende

Deutsches Symphonie-Orchester Berlin
Yutaka Sado - Dirigent
Andrej Gavrilov - Klavier

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Die Ruhe nach dem Sturm

Andrej Gavrilov und Yutaka Sado mit dem DSO

Von Fabienne Krause

Ein Künstler braucht zuweilen die Abgeschiedenheit der Natur, um sich und sein kreatives Schaffen entfalten zu können. So entstanden auch Rachmaninows 3. Klavierkonzert d-Moll op. 30 und Dvoráks 8. Sinfonie G-Dur op. 88 beide auf einem Landsitz. Bei letzterer hat man den Eindruck, die Natur sogar unmittelbar erfahren zu können. Aber auch Rachmaninows schlichtes Thema des 3. Klavierkonzerts strahlt eine verborgene Ruhe und russisch-folkloristische Einfachheit aus. Prädestiniert also für den Pianisten Andrej Gavrilov, der ebenfalls aus Russland stammt und gerade erst eine lange Phase des Rückzugs hinter sich hat. Er wollte der starken Belastungen des dauernden Reisens und der Einspielungen entgehen, um seine Persönlichkeit zu finden und Kraft zu schöpfen. Auch von Rachmaninow weiß man, dass er einer Mehrfachbelastung durch gleichzeitiges Ausüben und Komponieren von Musik ausgesetzt war. Gerade bei seinem 3. Klavierkonzert, wegen seiner hohen spieltechnischen Anforderung auch "Konzert für Elefanten" genannt, musste Rachmaninow noch während der Schiffsreise nach Amerika auf einer stummen Klaviatur für die Uraufführung am 28.01.1909 in New York üben. Andrej Gavrilov hatte zwar den Vorteil, sich komfortabler vorbereiten zu können, allerdings musste er zahlreichen Interpretationen namhafter Kollegen Stand halten. Da es sogar eine Einspielung von Rachmaninow selbst gibt, blieb der Freiraum der Interpretation begrenzt. Und auch Vladimir Horowitz' Einspielung gilt als besonders gelungen, da der Komponist selbst dessen Interpretation als werktreu absegnete.

Gavrilov wirkte an diesem Abend allerdings alles andere als nervös im Angesichte dieser großen Aufgabe. Völlig in sich ruhend betrat er das Podest der Philharmonie und lauschte den ersten Klängen des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin unter der Leitung Yutaka Sados. Mit reinster Klarheit und aus sich selbst heraus fand er zum ersten Thema und wurde damit Rachmaninow äußerst gerecht. Denn er selbst sagte: "Es schrieb sich einfach von selbst! Ich wollte die Melodie auf dem Klavier singen, wie ein Sänger es täte". Im Verlauf des Konzerts musste man sich allerdings besonders an den technisch schwierigen und schnellen Passagen fragen, ob der Interpret entweder dem eigenen Spiel zu sehr verfallen war, ob man als Pianist bei diesem Werk (wie einst David Helfgott) nahezu wahnsinnig werden muss, oder ob es sich um eine Pianistenmarotte handelt, die das Publikum in großes Staunen versetzen soll. Gavrilovs Gestik und Geräuschkulisse blieb nämlich nicht gerade dezent. An so manchen Stellen schnaufte und ächzte er wie ein Kampfsportler, der seinen Schlägen alle Kraft verleihen will. Er verriet seine Interpretation ganz offensichtlich durch die Mimik, in der sich z.B. glückliches und dämonisches Grinsen sowie schmerzverzerrte und gelöste Züge abwechselten. Allerdings schien diese Methode wirkungsvoll, denn er war den Anforderungen des Stückes in keinster Weise unterlegen. Abgesehen von den monströsen Solopassagen, die er mit stark zurückgenommenem Tempo und lauthallenden Griffen ausbreitete, schüttelte er sowohl die perlenden Glissandi wie auch die aufgetürmten Klangberge einfach aus dem Ärmel. Das DSO überzeugte nicht nur durch die Ausgewogenheit zum Spiel des Pianisten, sondern verarbeitete spieltechnisches und dynamisch-klangliches Feingefühl in ein berechtigtes Dasein an Interpretationsexistenzen des "Elefantenkonzertes".

Ebenso ließ das DSO unter Yutaka Soda bei der 8. Sinfonie Dvoráks keine Wünsche offen. Gerade die romantischen und naturvollen Klänge wurden durch faszinierend dynamisches Ausspielen dargeboten: Die atem- und vor allem hustenlose Stille der Philharmonie hätte auch der idyllische Garten eines Landsitzes sein können.



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