12. Oktober 2005
Philharmonie

Von Hildegard von Bingen zu Pierre Boulez

Das DSO spannt einen Bogen vom Mittelalter bis heute

Programm

Hildegard von Bingen
O vis aeternitatis - Responsorium
Pierre Boulez
Rituel in memoriam Bruno Maderna für Orchester in acht Gruppen (1974/75)
Anton Bruckner
Große Messe Nr. 3 f-moll

Mitwirkende

Deutsches Symphonie-Orchester Berlin
Kent Nagano - Dirigent

Michaela Kaune - Sopran
Monica Groop - Alt
John Daszak - Tenor
Klaus Mertens - Bass

Rundfunkchor Berlin
Jeremy Summerly - Leitung (Hildegard von Bingen)
Simon Halsey - Choreinstudierung (Bruckner)

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Von Hildegard von Bingen zu Pierre Boulez

Das DSO spannt einen Bogen vom Mittelalter bis heute

Von Katrin Kirsch

Nachdem das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin in diesem Sommer mit Opernprojekten wie Toru Takemitsu - my way of life beim Schleswig-Holstein-Musikfestival und Franz Schrekers Die Gezeichneten bei den Salzburger Festspielen mit Kent Nagano Erfolge gefeiert hatte, wurde nun mit drei aufeinander folgenden Konzerten die letzte Saison des Chefdirigenten in der Philharmonie eingeleitet. Mit dem ungewöhnlichen Programm des letzten dieser "Auftaktkonzerte" - je einem Werk von Hildegard von Bingen, Boulez und Bruckner - wurde ein unglaublich weiter Bogen vom Mittelalter zur Moderne gespannt, der aber durch das Motiv des Rituals als Klammer durchaus schlüssig wirkte.

Hildegard von Bingen galt schon zu Lebzeiten als Universalgenie, verfasste naturwissenschaftliche und medizinische Schriften, wurde Äbtissin und gründete später ihr eigenes Kloster Rupertsberg, wo sie ihre Visionen zu Papier brachte. Die Musik dieser außergewöhnlichen Frau erlebte in den letzten Jahren eine große Renaissance, wobei ihr musikalisches Genie unter Forschern nach wie vor umstritten ist. War sie auch musikalisch ihrer Zeit voraus oder beherrschte sie nicht einmal die Regeln des Gregorianischen Gesangs? Ihren 77 überlieferten Liedern liegen allesamt eigene poetische Texte, jedoch mit religiösem Inhalt zugrunde.

Jeremy Summerly

Jeremy Summerly, hoch gelobt für seine bisher vorliegenden Einspielungen ihrer Musik, dirigierte die von ihm erarbeitete und einstudierte Aufführungsfassung des Responsoriums O vis aeternitatis. Gemäß der vermutlich historischen Aufführungspraxis wurden dem Frauenchor zwei Solistinnen räumlich getrennt auf der Empore gegenübergestellt und der a cappella-Gesang von sparsamem Einsatz der Truhenorgel, Drehleier und Schalmei begleitet. Diese für Nicht-Mittelalter-Spezialisten sehr ungewohnten Klänge sorgten durchaus für gespannte Aufmerksamkeit, doch lässt sich eine gewisse Befremdlichkeit nicht leugnen, diese für den Kirchenraum komponierte Musik in der trockenen Akustik der Philharmonie zu hören, zumal diese sehr heikel für die Intonation - besonders der Solisten - wirkte.

Boulez' Rituel in memoriam Bruno Maderna für Orchester in acht Gruppen ist ein klar strukturiertes Stück. Das beginnt schon mit der vorgeschriebenen rituellen Anordnung der Instrumente: den Melodieinstrumenten (eine Oboe in Gruppe 1, zwei Klarinetten in Gruppe 2 usw.) sind jeweils verschiedene Perkussionsinstrumente zugeordnet. Zunächst funktioniert das Stück responsorisch: Clusterklänge der gedämpften Blechbläser wechseln mit der Solo-Oboe und der schrittweisen Einbeziehung der anderen Instrumentengruppen. Hier wirkte Kent Nagano sehr überzeugend, mit filigranen Gesten leitete er diese imaginäre Zeremonie. Eine "ständige Rückkehr zu denselben Formeln" lässt jedoch wenig Entwicklung zu. Das Statische liegt in der Komposition begründet und ist gewollt, wirkte jedoch auf den Zuhörer nach einiger Zeit ermüdend, gerade wenn im letzten Teil die Dekonstruktion beginnt und Kleinstmotive als einzelne Klangbausteine durch die verschiedenen Gruppen wandern. Das ist wohl das, was Boulez als "Zeremonie des Absterbens, Ritual des Vergehens und des Fortbestehens" in dieser 1975 entstandenen Komposition bezeichnet hat, die er seinem zwei Jahre vorher verstorbenen Kollegen Bruno Maderna widmete.

Bruckners f-moll Messe sorgte nach der Pause für eine Versöhnung mit den Hörgewohnheiten des Publikum, geriet jedoch leider nicht zu einem Höhepunkt der Bruckner-Exegese. Dafür wirkten Orchester, Chor und Solisten zu sehr wie drei Gruppen, die nicht wirklich miteinander harmonierten. Der Runkfunkchor (einstudiert von Simon Halsey) hat sich dabei nichts vorzuwerfen, er wirkte bestens präpariert, alle Einsätze erfolgten sehr präzise und die reine Intonation ließ keine Wünsche offen. Beim Orchester jedoch war wenig Ehrfurcht vor der Musik zu spüren, man vermisste intensive Momente der Ergriffenheit. Ist es vielleicht doch so, dass solch tief religiöse Musik im kirchlichen Rahmen erst ihre Wirkung entfalten kann? Nach dem Gloria ließ Nagano den Chor Platz nehmen und gönnte sich eine lange Atempause vor dem Credo, dennoch wollte sich die geforderte Erhabenheit, besonders im eigentlich sehr ergreifenden "Et incarnatus est" nicht einstellen. Das Benedictus jedoch geriet durch das sehr schön harmonierende Solistenquartett zu einer flehentlichen Anrufung, wobei v.a. Klaus Mertens herausragte. Sopranistin Michaela Kaune vom Ensemble der Deutschen Oper war durchweg auf hohem Niveau präsent, zeigte jedoch einige Schwächen in der Intonation. Bei der Finnin Monica Groop dagegen bedauerte man, dass Bruckner nur eine so kleine Partie für diese tief timbrierte Altstimme vorgesehen hat. Mit dem "dona nobis pacem" des Agnus Dei endet das ganze Werk in tatsächlichem inneren Frieden, dessen Wirkung Kent Nagano noch für etliche atemberaubende Sekunden halten konnte.



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