26. Juni 2005
Staatsoper Unter den Linden

Hans Zenders interkultureller Dialog

Premiere von Chief Joseph an der Staatsoper Berlin

Programm

Hans Zender
Chief Joseph

Mitwirkende

Staatsoper Unter den Linden
Musikalische Leitung: Johannes Kalitzke
Inszenierung: Peter Mussbach
Bühnenbild: Jimmie Durham
Kostüme: Bernd Skodzig
Licht: Franz Peter David
Dramaturgie: Ilka Seifert

Die Besetzung reichen wir nach

Staatskapelle Berlin
Staatsopernchor

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Hans Zenders interkultureller Dialog

Premiere von Chief Joseph an der Staatsoper Berlin

Von Werner Friedrich / Fotos: Ruth Walz

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Wer auch nur wenig von dem heute in Freiburg lebenden Dirigenten und Komponisten Hans Zender weiß, kennt doch seine völlige Ablehnung alles Platten, alles Widerspruchlosen und Eindimensionalen. Im Vorfeld der Oper wurde dies in seinem Gesprächskonzert Anfang Juni in der Akademie der Künste wieder bestätigt, wo das Quartett des Klangforum Wien sein Mnemosyne - Hölderlin lesen IV in höchster Virtuosität zu Gehör brachte. So durfte man getrost auf Zender vertrauen, als die Staatsoper die Uraufführung seiner dritten Oper ankündigte. Noch dazu waren dem Komponisten mit Stephen Climax und Don Quijote bereits zwei mehrfach nachgespielte erfolgreiche Bühnenstücke gelungen. Diesmal war die Titelperson ein Indianerhäuptling, Chief Joseph vom Stamm der Nez Percés, der nach seiner (und seines Stammes) Demontage durch eine berühmt gewordene Rede vor dem amerikanischen Kongress in die Geschichte eingegangen war.

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Selbstverständlich war es nicht Hans Zenders Intention, eine Indianergeschichte zu erzählen, schon gar nicht eine, die den Indianer im Sinne der "political correctness" Gerechtigkeit widerfahren lassen sollte. Das vorprogrammierte Missverstehen, das auch durch musikalische Mittel auszudrücken war, sollte sein Thema werden - zumindest war es sein Plan. Doch ließ er ein ratloses Publikum zurück, das, ermüdet durch die textlich wie musikalisch langatmigen Rezitative, kaum mehr als eine Indianergeschichte, die durchaus auch Klischees bediente, wahrnahm und eigentlich auch nur wahrnehmen konnte. Eine Ausnahmefigur wie die des Chief Joseph findet in der Wirklichkeit nur wenig Entsprechung. Und wenn im dritten Akt die Indianergeschichte noch thematisch mit der Bombardierung Tokios, dem Atombombenabwurf über Hiroshima und dem Holocaust verquickt wird, ist der Autor, auch wenn er nichts weniger intendiert hatte als dieses, vom engagierten Gutmenschen kaum mehr zu unterscheiden.

Selbstredend geht das Schiff auf höchstem Niveau unter: Ein kompliziertes Geflecht von unterschiedlichen, streng geordneten Szenentypen, deren komplexeste, die sogenannten "Rotationen", wiederum auf gegenseitig in Kontrast stehende Autoren von Brecht bis Pound zurückgreifen, strukturiert das über zwei Stunden ohne Unterbrechung währende Stück.

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Die Musik, die die Staatskapelle auf wenige traditionelle Instrumente beschränkt, dafür aber um so mehr Schlagzeuger beschäftigt, ist jenseits der Rezitative durchaus zupackend und plastisch und lag bei Johannes Kalitzke in besten Händen. Selbstredend ging es Zender in seinen interkulturellen Intentionen nicht um Verwendung originaler indianischer Musik; die Anspielung auf fernöstliche Musiktraditionen, etwa durch die Verwendung des koreanischen Saiteninstruments "Ajeng", erscheint aber wiederum, bei aller Wertschätzung für Zenders bekannte Vorlieben, als interkulturelles Versatzstück, das noch dazu, da ja eine andere Kultur im Mittelpunkt stand, irreführend wirkte. Ob die Personenführung des Regisseurs Peter Mussbach, die zwischen extremer Wuselei und peinlicher Erstarrung changierte, völlig misslungen oder aber zum Konzept des Autors gehörte, vermag man nicht recht zu entscheiden.

Alles in allem ein zwiespältiger Eindruck.



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