19. August 2005
Alte Nationalgalerie- Open Air

Cantus Brutalus

Corvus Corax vertont die Carmina Burana neu

Programm

Corvus Corax
Orchestrale Vertonung der mittelalterlichen Handschrift Carmina Burana

Mitwirkende

Corvus Corax
Philharmonisches Orchester & Opernchor Staatstheater Cottbus
Generalmusikdirektor Jörg Iwer - Leitung
Chor Ivan Pl. Zajc (Zagreb)
Vokal-Ensemble Psalteria (Prag)
Ingeborg Schöpf - Sopran
Potentia Animi

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Cantus Brutalus

Corvus Corax vertont die Carmina Burana neu

Von Fabienne Krause / Fotos: www.cantus-buranus.de

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Der Auftakt hätte stimmungsvoller nicht sein können: Bei düster-brodelndem Streichertremolo, zitternden Lichtreflexen und riesig-kreisenden Starenschwärmen nahte im Rücken ein anschwellendes Pferdegetrappel ... Für einen kurzen Augenblick wähnte man sich schon in einem Bram Stoker-Roman, bis unter fulminantem Jubel nicht Graf Dracula, sondern Corvus Corax aus der von vier rabenschwarzen Rossen gezogenen Kutsche trat.

Wie in den vergangenen 15 Jahren zeichnet sich die achtköpfige mittelalterliche Spielmannsgruppe durch ihre fünf Dudelsäcke und allerhand selbstgebasteltes Instrumentarium nach Vorbildern mittelalterlicher Zeichnungen aus. Diesmal hatte sich die Band allerdings nichts Geringeres zum Ziel gesetzt, als Lieder der Carmina Burana (lat. "Lieder aus Benediktbeuren", frühes 13. Jh.) unter dem Titel Cantus Buranus neu zu vertonen. So wuchs die Zahl der Mitwirkenden auf der Bühne der Museumsinsel auf beträchtliche 175 Personen. Unterstützt wurde die Band vom Philharmonischen Orchester und Opernchor des Staatstheaters Cottbus unter der Leitung Jörg Iwers, dem Chor Ivan Pl. Jajc, dem Vokal Ensemble Psalteria, der Sopranistin Ingeborg Schöpf und der Mittelaltergruppe Potentia Animi.

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Auch wenn sich Meister Selbfried und Konsorten in ihrer Schaffensphase Carl Orffs Fassung von 1937 zum Tabu gemacht hatten, liegt ein Vergleich natürlich nahe. So stand auch für die Band weniger eine ausgeklügelte Komposition, als vielmehr ein wuchtiger Klangkörper im Vordergrund. Daneben spielte allerdings auch das Experiment, Poprock mit Klassik zu verbinden, eine entscheidende Rolle. Allein schon auf Grund der technisch unüberwindbaren Hürde das ganze Instrumentarium samt Chor und Gesang zu einer Ausgewogenheit zu bringen, stand das Vorhaben unter keinem guten Stern. So übertönten die goldberobten Dudelsackspieler und Trommler mit ihren schnarrenden und brachialen Instrumenten immer wieder Orchester, Chor und Solisten. Ebenso abgeschreckt wie das Klassikpublikum mögen aber auch die Fans der mittelalterlichen Spielweise gewesen sein. Die seifigen Orchesterwogen hatten nämlich den Effekt eines Weichspülers für die eher puristischen und klirrenden Instrumente wie Schalmei, Drehleier und Alphorn.

Wenn auch weder Klassik noch Pop sich gegenseitig in diesem Projekt bereichern konnten, rissen Corvus Corax dennoch durch ihre rhythmisch-bauchlastige Spielwut das sehr gemischte Publikum von den Stühlen. Vor allem bei den letzten beiden Stücken Dulcissima und Fortuna der 11 neu vertonten Lieder schaukelten sich die Musiker gegenseitig zu einem spektakulären Klangwust hoch, den man wirklich selten zu Gehör bekommt.



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