25. September 2005
Komische Oper Berlin

Stellungswechsel unter Palmen

Bieitos zweite Inszenierung an der Komischen Oper

Programm

Giacomo Puccini
Madame Butterfly

Mitwirkende

Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung: Daniel Klajner
Inszenierung: Calixto Bieito
Bühnenbild: Alfons Flores
Kostüme: Anna Eiermann
Licht: Franck Evin
Chöre: Peter Wodner
Dramaturgie: Antje Kaiser

Cho-Cho-San: Juliette Lee
Suzuki: Susanne Kreusch
Kate Pinkerton: Julia Bossen
B. F. Pinkerton: Marc Heller
Sharpless: Tom Erik Lie
Goro: Christoph Späth
Fürst Yamadori: Günter Neumann
Onkel Bonzo: Jens Larsen
Kaiserlicher Kommissar: Tobias Hagge
Standesbeamter: Matthias Spenke
Yakusidé: Eberhard Krispin
Die Mutter: Barbara Sternberger
Die Base: Sonnhild Liebscher
Die Tante: Gitta Mayer-Hein
Das Kind: Stella Kunkat

Die Chorsolisten, Kleindarsteller & Kinderstatisterie der Komischen Oper Berlin

Chor & Orchester der Komischen Oper Berlin

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Stellungswechsel unter Palmen

Bieitos zweite Inszenierung an der Komischen Oper

Von Heiko Schon / Fotos: Monika Ritterhaus

Es gab an diesem Abend viel zu Feiern im Haus an der Behrenstrasse: Joachim Herz wurde zum Ehrenmitglied der Komischen Oper ernannt, das von Architekt Stefan Braunfels neu gestaltete Foyer wurde offiziell eingeweiht und man bejubelte auch das eigene Abschneiden bei der Kritikerumfrage zur letzten Spielzeit der Fachzeitschrift Opernwelt (u.a. den 2. Platz für Kirill Petrenko als Dirigent des Jahres). Intendant Andreas Homoki setzte zum Saisonstart auf bundesweites Aufsehen - und gewann: In Scharen kamen die Größen aus Kunst, Politik und Wirtschaft. Der eigentliche Anlass indes - die Premiere von Calixto Bieitos Madame Butterfly - sorgte für einige Ratlosigkeit im anschließenden Partygetümmel.

Madam Butterfly: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Der katalanische Regisseur selbst hatte die Messlatte mit seiner Entführung aus dem Serail sehr hoch gelegt. Die Nachwirkung seiner komplexen (Milieu-)Studie über den wahren oder Waren-Wert eines Menschen, über Macht, die den Menschen zum Unmenschen werden lässt, war immens. Im Grunde geht es in Bieitos neuer Arbeit um nichts anderes: Die Verpackung ist käuflicher Sex; der Inhalt ein Dutzend kranker Seelen, die letztendlich an sich selbst zu Grunde gehen. Eine Erlösung findet nur im Tod statt. Das ist der Kern fast jeder Oper. Nur lag die Stärke bei Bieitos Konstanze in der Vielschichtigkeit ihres Charakters. Seine Cho-Cho-San besitzt weder deren Glaubwürdigkeit noch eine schlüssige Entwicklung, die den Handlungsverlauf nachvollziehbar machen würde.

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Aber von vorn. Pinkerton checkt in einem (sex)abenteuerlichen Urlaubsdomizil ein und lässt sich von Goro die abwaschbare Innenausstattung vorführen. Dem Amerikaner ist weder nach Begrüßungscocktail noch einheimischem Schnaps. Lieber den guten alten Jack Daniels her, indessen Suzuki den ersten Blow-Job besorgt. Alles kein Problem, solange die Kreditkarte mitspielt. Andere Touristen nehmen zur "Hochzeit" Platz. Eine Rodeo-Maschine wird enthüllt. Butterfly erscheint als käufliche Braut mit einigen Dollarscheinen im Schleier. In die vollendete Spaßgesellschaft platzt Onkel Bonzo, besser gesagt Fidel Castro, um seine Flasche Havanna-Rum kurz abzusetzen und Einwände zu erklären. Dies kommt im gleichen Maße erschreckend banal über die Rampe wie der Jungfrauentest bei Cho-Cho-San. Nach dem obligatorischen Erinnerungsfoto endet der erste Akt mit dem Akt: Unter rosafarbenen Luftballons reitet Butterfly "Rodeo" auf Pinkerton. Das alles besitzt Charme und Inhalt - ungefähr soviel wie ein Softporno im Spätprogramm eines kleinen, privaten Fernsehsenders. Im Programmheft lesen wir, dass es sich um eine reale Inszenierung handeln soll. Damit kann nicht das überzogene Interieur der Szene gemeint sein: Bieito und sein Bühnenbildner Alfons Flores überfluten den Raum mit hässlichem Kitsch und sich beißenden Farben, dass jedem Pauschalurlauber schon ohne übermäßigen Alkohol schlecht werden würde.

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Nach der Pause ist der Spaß vorbei: Während der kubanische Regierungschef Marilyn Monroe vögelt (Butterfly mit blonder Perücke) wird es hell. Das Licht gibt Ernüchterung - Katerstimmung macht sich breit. Zum Glück gibt's Coca-Cola und heißen Kaffee. Letzteren bekommt Fürst Yamadori für seinen Annährungsversuch direkt von Butterfly ins Gesicht serviert. Anschließend darf dann auch Sharpless seine Sex-Szene mit der Titelheldin haben. Erst wird gefummelt, dann geht man sich an. Oder umgekehrt. Nach soviel szenischem Leerlauf mit der sich emsig wiederholenden Personenführung, zieht Bieito dann doch noch die theatralischen Daumenschrauben an: In der Hinführung zum letzten Teil erlebt eine schwangere Frau einen amerikanischen Alptraum: Goldgelockte Mädchen und Cowboyjungen mit Stetson marschieren in Begleitung von Mickey Mouse auf. Diese erinnert unheimlich an den von Tim Curry gespielten Clown in der Romanverfilmung von Stephen Kings ES. Zu harten Gesichtszügen zücken sie Pistolen und feuern auf die Frau. Bieito ist aber auch nicht der erste Regisseur, der in diesem Stoff eine gesellschaftspolitische Kritik versteckt. Butterfly erträumt sich also ein Leben in individueller Freiheit. Als ihr das versperrt scheint, macht es sich Bieito einfach und lässt Cho-Cho-San Amok laufen, in dem zuerst das eigene Kind dran glauben muss. Bessenheit ist die einzige Erklärung, warum Butterfly solch einem Wahn verfällt. Damit das Libretto noch halbwegs stimmt, fällt auch Suzuki dem Schwert zum Opfer. Als Butterfly zum Schluss den ersehnten Pass in der Hand hält, ist es zu spät. Nicht nur für sie, auch für die Regie.

Rein stimmlich schlug sich Juliette Lee über den Abend souverän. Schade nur, dass man sich zu 90 Prozent fragen musste, ob es wirklich Deutsch war, was sie sang. Schauspielerisch geriet ihr Finale sehr intensiv, sonst schrammte einiges haarscharf am Chargieren vorbei. Das sonstige Sängerensemble konnte mal mehr (Susanne Kreusch), mal weniger (Günter Neumann) auf sich aufmerksam zu machen. Glanzpunkte vermochte aber keiner zu setzen. Daniel Klajner im Orchestergraben reduzierte Puccinis Partitur auf einen gefälligen, sängerfreundlichen Soundtrack, der fortwährend zwischen blühenden und expressiven Tönen schwankte.



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