27. Oktober 2005
Philharmonie

Obdach für die Sinne

Wagners Walküre mit den Philharmonikern, Rattle und Domingo

Programm

Thomas Adès
Asyla op. 17

Richard Wagner
Die Walküre, 1. Akt

Mitwirkende

Berliner Philharmoniker
Simon Rattle - Dirigent

Sieglinde: Eva-Maria Westbroek
Siegmund: Plácido Domingo
Hunding: Reinhard Hagen

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Obdach für die Sinne

Wagners Walküre mit den Philharmonikern, Rattle und Domingo

Von Heiko Schon

Das ist jetzt auch schon wieder 3 Jahre her: Mit Asyla stellte sich Sir Simon Rattle im September 2002 dem Berliner Publikum als Chefdirigent ihrer Philharmoniker vor. Dass er dieses - Entschuldigung - geile Stück zeitgenössischer Komposition mit dem 1. Akt aus Wagners Walküre koppelte, sicherte ihm die Aufmerksamkeit auch derer, die doch eher wegen der Domingo-Show oder als Wagnerianer im ausverkauften Saal saßen. Rattles Landsmann Thomas Adès beweist mit diesem Werk, dass es ein Weiterleben nach der Uraufführung von Gegenwartsklassik gibt. Bei jedem Takt ist die Leidenschaft Sir Simons für diese moderne, düstere Sinfonie einer Großstadt spürbar. Die jazzigen Elemente gehen dabei genauso ins Ohr wie der tänzelnde Groove des 3. Satzes. Das Orchester setzte dies mit gehörig Power frei. Schade, dass nach 25 Minuten mit dem Opus schon Schluss war.

Zum stürmischen Vorspiel der Walküre zuckten die Blitze noch lautstark auf, ansonsten nahm sich Rattle nun deutlich zurück und lies den Sängern den Vortritt. Ein malerisch-liebliches Solo-Cello unterstrich die leidenschaftlichen Momente des Kammerspiels. Wenn die Wälsungenliebe zum Ausbruch kam, Siegmund Notung aus dem Eschenstamm zog, schürte Rattle ein orchestrales Feuer und machte ordentlich Appetit auf den bevorstehenden Ring (Beginn mit Das Rheingold im Juni 2006).

Plácido Domingo

Nun ein Eingeständnis: Zum Vortrag (wenn man das überhaupt so bezeichnen kann) Plácido Domingos fehlen die geeigneten Worte. Jeder Superlativ würde zur aussagelosen Floskel geraten, den tief zu zollenden Respekt für seine Interpretation falsch wiedergeben. Wo eine Stimme die Seele reinigt, wo Musik zu Religion, Wagner zur Droge wird, sind jedwede Worte bedeutungslos. Dieser Tenor entflammt nicht nur einfach die Sinne seiner Zuhörer, er wühlt innerlich auf. Was wurde nicht alles über den Wagner-Sänger Domingo geschrieben? In Anbetracht seines Einsatzes zerbröseln alle Beanstandungen zu beckmesserischen Unerheblichkeiten. Rücksichtnahme auf das eigene Stimmorgan? Domingo kannte sie an diesem Abend nicht. Die schier endlos langen Wälse-Rufe schmettert Domingo mit viel Inbrunst und Angriff quer durch die Reihen der Philharmonie. Die Winterstürme wichen mit exzellentem Legato dem Wonnemond - der Lenz lachte mit Schmelz in den Saal. Und der alte Bühnenhase in ihm kommt nicht zur Ruhe: Bis in die kleinste Nuance steht da ein Vollprofi auf dem Podium, der das Spiel nicht lassen kann. Sein Siegmund schickte leidenschaftliche Blicke gen Sieglinde, drehte sich erschüttert weg, schreckte urplötzlich auf. Selbst ein simpler Griff zum Wasserglas wurde von Domingo charakterisiert.

Im Gegensatz zu Reinhard Hagens liedgutartig-steifem, überartikulierendem Hunding ließ sich Eva-Maria Westbroek aus der Reserve locken und gewann in der 3. Szene deutlich an Profil. Von Domingo wachgeküsst, legte sie ihre anfängliche Nervosität beiseite und servierte eine lyrische und jugendlich frische Sieglinde. Was Westbroek (noch) an dramatischer Farbschattierung fehlt, gleicht sie mühelos durch voluminöse Höhe aus. Domingo und Westbroek stachelten sich gegenseitig zum Showdown an und so geriet die finale Liebeszene wirklich zu einer der schönsten des Musiktheaters. Frenetischer Applaus am Ende. Berlin jubelte.



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