2. Oktober 2005
Philharmonie

Ein (fast) geglückter Einstand

Markus Stenz erstmals am Pult der Philharmoniker

Programm

Franz Schreker
Vorspiel zur Oper Die Gezeichneten
Bernd Alois Zimmermann
Photoptosis
Sergej Prokofjew
Klavierkonzert Nr. 2 g-Moll op. 16
Igor Strawinsky
Jeu de cartes

Mitwirkende

Berliner Philharmoniker
Markus Stenz - Dirigent
Arcadi Volodos - Klavier

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Ein (fast) geglückter Einstand

Markus Stenz erstmals am Pult der Philharmoniker

Von Werner Friedrich

Markus Stenz feierte vom 1.-3. Oktober 2005 seinen Einstand als Dirigent der Berliner Philharmoniker. Der aus dem Umkreis von Hans Werner Henze stammende Künstler, der in Berlin bereits die Uraufführung von Henzes Oper Das verratene Meer geleitet hatte und nach Stationen in London und Melbourne nunmehr Chef des Gürzenich-Orchesters in Köln ist, legte in seinem Repertoire immer einen deutlichen Schwerpunkt auf die neuere und neueste Musik. Auch bei den Philharmonikern dirigierte er ein weit gefächertes Programm, das ausschließlich Werke aus dem 20. Jahrhundert beinhaltete - Werke allerdings, die gegensätzlicher kaum sein konnten. Als Solist war der phänomenale Arcadi Volodos mit von der Partie, der jüngste authentische Vertreter der großen russischen Pianisten-Schule.

Arcadi Volodos

Allerdings war Volodos in diesem Programm künstlerisch marginalisiert, und zwar durch das über weite Strecken leerlaufende Klavierkonzert Nr. 2 g-Moll von Sergej Prokofjew, das bewies, dass Virtuosität um der Virtuosität willen auch bei einem Pianisten von höchstem Rang schnell in Langeweile ausarten kann. Abgesehen davon konnte die Aufführung auch nicht als gänzlich geglückt gelten. Das Konzert, das mit Fug und Recht auch ein viersätziges Klavierwerk mit Orchesterbegleitung genannt werden könnte, besitzt nicht nur einen teuflisch schweren Solopart, sondern ist auch für den Dirigenten durch die diffizile Koordination des Orchesters mit dem Solisten besonders heikel. Doch gerade dieses Zusammenspiel wollte - zumindest am zweiten Abend - nicht klaglos klappen. Volodos ist kein Pianist, der sich dem Orchester unterordnen würde, und so war Markus Stenz allein für die Koordination des Geschehens verantwortlich, eine Aufgabe, die ihm hörbar Schwierigkeiten bereitete. Ob Volodos aus diesem Grunde einen "Aussteiger" produzierte (den er allerdings ebenso rasch wie geschickt korrigierte), weiß wohl nur der Künstler selbst; jedenfalls ist bemerkenswert, dass sich der Pianist nach dem Konzert die geplante zeitversetzte Radioübertragung im DeutschlandRadio verbat.

Somit lag der künstlerische Schwerpunkt des Abends auf der ersten Konzerthälfte, wo mit dem Vorspiel zu einem Drama zunächst eine der besten (und mitreißendsten) Kompositionen Franz Schrekers zu Gehör gebracht wurde, dessen große Bögen Markus Stenz ebenso auskostete wie er die jähen Stimmungsumschwünge akzentuierte und im Raffinement der Orchesterfarben, die Schreker seinen Hörern auftischt, schwelgte.

Markus Stenz

Die größte Aufmerksamkeit widmete Stenz jedoch Bernd Alois Zimmermanns 1968 geschriebenem großorchestralem Werk Photoptosis. Zimmermanns Auseinandersetzung mit synästhetischen Phänomenen (hier: der Umsetzung von visuellen Vorstellungen in Musik), stellt heute ein überaus wirkungsvolles, begeisterndes Stück Musik dar. Stenz wollte sich aber nicht allein darauf verlassen und kam, zum Schreck vieler Zuhörer, mit einem Mikrophon auf die Bühne, um den Ablauf des Werkes kurz und mit einfachen Worten zu skizzieren. Der Erfolg gab ihm recht: Auch skeptische Abonnementbesitzer öffneten sich den im wahrsten Sinne des Wortes überwältigenden Sinneseindrücken mit seinen riesenhaften, von der Orgel unterstützten orchestralen Steigerungen, so dass der große Beifall danach ebenso einhellig wie ehrlich schien.

Zum Abschluss des Abends erklang Strawinskys Jeu de cartes, ein sicherlich hübsches Stück Ballettmusik, dessen Reize aber ein wenig zu subtil waren, als dass sie sich als Schlusspunkt eines langen Konzertes wirklich hätten bewähren können. Alles in allem jedoch: ein spannender Abend!



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