10. September 2005
Philharmonie

Akustischer Altweibersommer

Janáčeks Jenufa konzertant im Rahmen des Musikfest 05

Programm

Leoš Janáček
Jenufa - konzertante Aufführung

Mitwirkende

Berliner Philharmoniker
Simon Rattle - Dirigent
Rundfunkchor Berlin
Simon Halsey - Choreinstudierung

Die alte Buryja: Anna Barová
Laca Klemen: Štefan Margita
Stewa Buryja: Kurt Streit
Die Küsterin Buryja: Deborah Polaski
Jenufa, ihre Stieftochter: Karita Mattila
Altgesell / Dorfrichter: Detlef Roth
Frau des Dorfrichters: Katja Pieweck
Karolka, ihre Tochter / Barena: Martina Janková
Jano: Mojca Erdmann
Schäferin / Tante: Monika Degenhardt
Stimme einer Dorfbewohnerin: Isabelle Vosskühler
Stimme eines Dorfbewohners: Jörg Schneider

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Akustischer Altweibersommer

Janáčeks Jenufa konzertant im Rahmen des Musikfest 05

Von Heiko Schon

Dieser Samstagvorabend lud bei schönstem Wetter noch einmal dazu ein, den überhitzten Bus vorbeifahren zu lassen, um lieber im Spaziertempo dem Kulturgenuss entgegen zu gehen. Zwischen Potsdamer Platz und Tiergarten ragte die Philharmonie mit ihren spitzen Dächern empor und strahlte noch etwas goldschimmernder in der Sonne als sonst. In Erwartung auf klangliche Abkühlung betrat man den Konzertsaal. Immerhin stand mit Jenufa der Thriller unter den Opern auf dem Programm des Musikfestes Berlin.

Janáčeks Dreiakter versetzt seinen Zuhörer in einen Zustand, der ihm das Blut in den Adern gefrieren lässt - sollte man meinen. Sir Charles Mackerras bewies dies früher mit den Wiener Philharmonikern ebenso eindrucksvoll wie zuletzt Kirill Petrenko an der Komischen Oper. Sir Simon Rattle und seine Berliner Philharmoniker verstanden das Werk allerdings nicht als Übergang zur Moderne, sondern packten es lieber in spätromantische Watte.

Vergnüglich nahm das Leben im mährischen Nest seinen Lauf. Die Mühlenklänge des Xylophons klapperten freundlich und mit argloser Heiterkeit feierte man die Ausmusterung Stewas. Selbst Jenufas Wange wurde ohne einschneidende Streicher verletzt. Doch auch nach der Pause trat im 2. Akt kein erhoffter Klimawechsel ein. Keine harten Umrisse, keine schmerzhafte Rhythmik, kein bissiger Akzent. Fast wie ein Belcantostück kam das Frühwerk des slawischen Komponisten daher. Dabei waren die Tempi stets straff und zackig. Die Töne purzelten akkurat. Der Klangbogen geriet nie aus dem Ruder. Aber Spannung wollte nicht aufkommen. Warum vermied es Rattle, die großen nervenzerrenden Momente der Partitur ordentlich auszukosten? Warum setzt man eine Oper auf den Spielplan, wenn doch der Inhalt nicht in die konzertante Wiedergabe transportiert wird? Schön heißt eben nicht gut. Und die Frage, ob die teuerste Soundanlage auch wirklich die beste ist, ging für diesen Abend leider zu Ungunsten des populären Klangkörpers aus.

Štefan Margita

Karita Mattilas Sopran funkelte von Beginn an so perfekt wie ihr Strassschmuck. Stimmlich bewältigte sie die Titelpartie mit viel Aplomb und Höhensicherheit. Problemlos sozusagen. Bis auf die Kleinigkeit, dass Mattilas geschmeidig wie cremefarbenes Stimmmaterial anmuten lässt, dass dieses Schicksal eher einer Lady aus der High Society als einem Mädchen vom Dorfe widerfährt. Wenn ihr im 2. Akt die schönsten Honigtöne beim Tod ihres Sohnes über die Lippen gingen, dann ist es um die Glaubwürdigkeit dieser Figur vollkommen geschehen. Da die Oper in den letzten Jahren häufig auf den Berliner Bühnen gezeigt wurde, muss sich Deborah Polaski an den stürmisch gefeierten Küsterinnen Anja Silja (Deutsche Oper) und Karan Armstrong (Komische Oper) messen lassen. Hochkonzentriert klammerte sie sich an ihr Textbuch und fand doch nicht zu einer eigenen Interpretation. Volumen und Timbre passten zwar ebenso zur Rolle wie das starke Vibrato, aber im Resultat war Polaskis Auslegung der Kostelnicka zu eintönig. Einzig Stefan Margita konnte sich erfolgreich aus dem Korsett des Vortrages befreien und lieferte mit seinem Laca den Beweis, dass sich auch ohne Szene und Kostüm ein Charakter vermitteln lässt. Sein Tenor bot genau die richtige Balance zwischen Kraft und Schmelz. Mit nie dick aufgetragener Theatralik formte er ein Porträt, das sich über den Abend auch wirklich weiter entwickelte. Alles andere als eine Verinnerlichung bot dagegen Kurt Streit: Sein Stewa war schlicht und einfach einschläfernd. Der homogen und ansprechend singende Rundfunkchor Berlin versöhnte dagegen.

Versöhnlich auch das Finale, welches zum einzigen Höhepunkt geriet. Zwar mit viel Showeffekt aufgebauscht, aber lyrisch klangvoll und virtuos. Hier blieb kein Zweifel offen: Jenufa und Laca haben eine gemeinsame Zukunft. Das erlebte Leid war ja auch nur halb so schlimm. Fazit: Grandiose Bauchlandung.



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