17. Februar 2005
Philharmonie

Die Klangpracht des vergangenen Jahrhunderts

Peter Eötvös dirigiert die Berliner Philharmoniker

Programm

Alban Berg
Drei Orchesterstücke op. 6
Elliott Carter
Klarinettenkonzert
Béla Bartók
Herzog Blaubarts Burg op. 11 Sz 48

Mitwirkende

Berliner Philharmoniker
Peter Eötvös - Dirigent
Matthias Goerne - Blaubart
Cornelia Kallisch - Judith
Karl-Heinz Steffens - Klarinette
Bruno Ganz - Sprecher

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Die Klangpracht des vergangenen Jahrhunderts

Peter Eötvös dirigiert die Berliner Philharmoniker

Von Werner Friedrich

Peter Eötvös begegnet man im Konzertsaal immer gerne: Sei es als Komponist, sei es als Dirigent. Wobei das eine vom anderen kaum zu trennen ist, und so kommt es, dass Eötvös' Interpretationen von einer Transparenz und Deutlichkeit sind, als stammten die gespielten Werke von ihm selbst.

Peter Eötvös

In zwei Kompositionen mit riesiger Orchesterbesetzung aus dem frühen 20. Jahrhundert - Alban Bergs Orchesterstücke op. 6 und Béla Bartóks einaktige Oper Herzog Blaubarts Burg - führte Eötvös die Klangpracht dieser Epoche mustergültig vor. Was einst durch die zeitliche Nähe von Bergs Stücken zum Beginn des Ersten Weltkriegs als so bedrohlich und verstörend empfunden wurde, entfaltet sich in der historischen Distanz als ein Meisterstück der Instrumentationskunst. Immer wieder zieht sich der Orchesterklang in kleine Ensembles zurück, um sich im nächsten Augenblick wieder groß zu entfalten und in aller Pracht zu brillieren.

Ähnlich verhält es sich mit Bartóks (übrigens einziger) Oper auf das Libretto von Béla Balázs: Die Klangschönheit des Orchesters, das man im Konzertsaal natürlich viel besser hören kann als im Orchestergraben eines Opernhauses, ist so mit Bedeutung aufgeladen, dass die fehlenden Bühnenbilder mehr als aufgewogen werden. Matthias Goerne (Bariton) und Cornelia Kallisch (Sopran) gelang es, sich stimmlich nicht nur gegenüber den orchestralen Klangmassen durchzusetzen, sondern in der gut trainierten ungarischen Originalsprache auch die Charaktere der Protagonisten sinnlich erfahrbar zu formen. Lediglich Bruno Ganz als Leser des Prologs war mehr prominente Staffage als Notwendigkeit: Sein geziertes Nuscheln in Verbindung mit dem unbefriedigenden Lautsprechersystem der Philharmonie führte zu einem Telefonhörer-Effekt, wie er einem solchen Hause eigentlich unwürdig sein sollte. Alles in allem aber fand die Oper großen Anklang beim Publikum, in dem man übrigens auch den in Berlin lebenden ungarischen Literaturnobelpreisträger Imre Kertész ausmachte.

Als Kontrastprogramm erklang vor der Pause Elliott Carters Klarinettenkonzert aus dem Jahr 1996, in dem das Soloinstrument jeweils einzelnen räumlich voneinander abgesetzten Gruppen des kammermusikalisch ausgedünnten Orchesters zugeteilt war. Der Klarinettist Karl-Heinz Steffens vermochte die seinen Part bestimmende Virtuosität voll auszuspielen. Peter Eötvös bewährte sich auch hier als präziser Lenker durch die Partitur. Die Latte, an der die Interpretationen gemessen werden wollte, lag aber auch denkbar hoch: Wie wir aus dem Programmheft erfahren, wurden die ersten beiden Orchesterstücke Bergs 1923 in Berlin unter dem Dirigenten Anton von Webern uraufgeführt; die erste konzertante Aufführung von Bartóks Blaubart mit den Berliner Philharmonikern fand 1971 unter William Steinberg mit Walter Berry und Evelyn Lear statt.



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