2. Juni 2004
Hebbel am Ufer HAU EINS

Ein spannender Musiktheater-Kammerspiel-Crossover-Abend

Premiere von Zwei Etagen. Keine Treppen im HAU

Programm

Klaus Lang
Zwei Etagen. Keine Treppe

Mitwirkende

Eine Produktion von evviva la diva in Kooperation mit dem Hebbel am Ufer
Regie: Benedikt von Peter

Mit: Katia Guedes, Nadja Petri, Regina Stötzel
Ensemble Resonanz

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Ein spannender Musiktheater-Kammerspiel-Crossover-Abend

Premiere von Zwei Etagen. Keine Treppen im HAU

Von Nora Mansmann / Fotos: David Baltzer/Zenit

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Zwei Schauspielerinnen spielen immer wieder andere Beziehungen zwischen Frauen durch: Mutter und Tochter, Ehefrau und Geliebte, Meisterin und Angestellte, ein lesbisches Paar. Jede der Beziehungen beinhaltet Gewalt, offen oder ganz subtil, aber meist nur verbal. Dennoch geht die brutale, scheinbar unabänderbare Entwicklung jeder Beziehung bis zur metaphorischen Vernichtung wenigstens eines der Partner. Basierend auf dem Theaterstück Katzen haben sieben Leben von Jenny Erpenbeck, in dem die Autorin mit ihren Figuren A und B experimentiert, sie immer wieder in eine andere Beziehung zueinander treten lässt, ist ein ungewöhnlicher Musiktheaterabend entstanden, der am 4. Juni im HAU 1 seine Uraufführung feierte.

Was wir hier sehen und hören ist keine Oper, auch kein Musical und keine Operette. Am ehesten könnte man den Abend als Schauspiel mit Bühnenmusik bezeichnen. Jenny Erpenbecks Stück wird vollständig und "werktreu" wiedergegeben und stark textbezogen umgesetzt. Einzig die bei Erpenbeck jede Szene einleitenden Prologe, klar die schwächeren Teile des Werkes, fehlen hier, was aber für die Handlung nicht weiter bedeutsam ist.

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Für die von Klaus Lang komponierte Musik ist charakteristisch das Verschmelzen von Klängen. Melodien im klassischen Sinne gibt es nicht, wohl aber wiederkehrende, wiedererkennbare Motive und Themen. Orchesterinstrumente und Gesangsstimme verschwimmen zu mehreren, zueinander dissonanten Schichten, bis die einzelnen Instrumente und die Stimme für das Ohr nicht mehr auseinander zu halten sind. Es entsteht ein sphärischer Klangteppich, der die gewalterfüllte, beklemmende Atmosphäre auf der Bühne verstärkt, aber gleichzeitig, losgelöst davon, auch einen sehr meditativen, entspannenden Charakter hat. Das Ensemble Resonanz, auf dem Rang hinter dem Publikum platziert, gibt die komplizierten Klangstrukturen konzentriert und eindrucksvoll wieder.

Doch die Musik bleibt während des ganzen Abends sehr im Hintergrund. Wenn Text gesprochen wird, schweigen meist die Instrumente oder melden sich nur sehr leise "aus dem Off" zu Worte. Der Gesang kommt nicht von den beiden Figuren aus Jenny Erpenbecks Stück (gespielt von Nadja Petri und Regina Stötzel), sondern von einer Sängerin (Katia Guedes), die bis zum Schluss regungslos auf dem Dach des Hauses sitzt, in dem die beiden Frauen ihre Psychokriege austragen. Wie die des Orchesters, so ist auch die Aufgabe der Sängerin als Über-Ich eine kommentierende.

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Im Haus unter dem absenkbaren Dach, das ganz am Ende die beiden Kontrahentinnen zu Boden drückt, sind A und B eingesperrt in ihren (selbst-)zerstörerischen Beziehungen. Zwischen Erpenbecks kurzen Szenen machen die Spielerinnen kaum Pausen, sondern springen meist von einer Rolle in die nächste. Ihr Spiel ist klar und schlicht wie der Bühnenraum (Ausstattung: Ina Reuter), und sehr am Text orientiert, der langsam und deutlich gesprochen wird. Im Raum stehen zwei Hocker, von der Decke werfen Neonröhren kaltes Licht. Nur wenige weitere Requisiten werden benötigt; die Darstellerinnen holen sie im Laufe des Abends unter den anhebbaren Bodenplatten hervor. Der Text gibt genug her, um keine großen Untermalungseffekte zu brauchen, Benedikt von Peter hat sich bei seiner Regie zu Recht ganz auf ihn, auf das hervorragende Spiel der Darstellerinnen und auf die atmosphärische Musik verlassen. Entstanden ist ein intensiver, spannender Musiktheater-Kammerspiel-Crossover-Abend, der vom Premierenpublikum mit langem Applaus bedacht wurde.



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