17. Dezember 2004
Komische Oper Berlin

Damenwahl und Staatsbankrott

Lehárs Witwe an der Komischen Oper

Programm

Franz Lehár
Die lustige Witwe

Mitwirkende

Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung: Kirill Petrenko
Inszenierung: Andreas Homoki
Bühnenbild: Wolfgang Gussmann
Kostüme: Jorge Jara
Licht: Franck Evin
Dramaturgie: Werner Hintze
Choreinstudierung: Hagen Enke

Baron Mirko Zeta: Günter Neumann
Valencienne, seine Frau: Romana Noack
Graf Danilo Danilowitsch: Tom Erik Lie
Hanna Glawari: Bettina Jensen
Camille de Rosillon: Matthias Klink
Vicomte Cascada: Peter Renz
Raoul de St. Brioche: Thomas Ebenstein
Bogdanowitsch: Klemens Slowioczek
Sylviane, seine Frau: Alenka Genzel
Kromow: Stephan Spiewok
Olga, seine Frau: Susanne Kreusch
Pritschitsch: Christian Tschelebiew
Praskowia, seine Frau: Barbara Sternberger
Njegus: Werner Enders
Die Chorsolisten der Komischen Oper Berlin

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Damenwahl und Staatsbankrott

Lehárs Witwe an der Komischen Oper

Von Heiko Schon / Fotos: Monika Ritterhaus

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Die arme Operette. Ständig muss sie sich gegen den Ruf verteidigen, als veraltet, eingestaubt, ja eigentlich tot zu gelten. Das Metropol-Theater erhielt 1997 einen Finanzschlag ins Genick und wurde abgewickelt. Das letzte deutsche Spartenhaus, die Dresdener Staatsoperette, sollte vor zwei Jahren das gleiche Schicksal erleiden. Dort hatten jedoch einige Politiker den zähen Kampfesgeist der Dresdner unterschätzt. Ganz Berlin ist inzwischen frei von Operette. Ganz Berlin?

Nein, die Komische Oper hat seit ihrer Gründung durch Walter Felsenstein auch die heitere Muse im Spielplan und bietet derzeit neben einem Strauß (Die Fledermaus) und einem Kálmán (Die Csardasfürstin) auch Franz Lehárs Lustige Witwe an. Und diese Inszenierung bietet von der schmissig dirigierten Introduktion bis zum Schlussgesang einen amüsanten wie kurzweiligen Abend: Die Akten häufen sich bei Danilo in schiefen, furchtbar hohen Büroschränken, die schlüpferschwingenden Grisetten hüpfen - trippel trippel trippeltrapp - eine blitzend geschwungene Showtreppe herunter und die pontevedrinische Gesandtschaft lässt in Glanzfummel, Petticoat und Bienenkorbfrisur die bunten Fifties wieder aufleben. Wolfgang Gussmann (Bühne) und Jorge Jara (Kostüme) haben hier zum Wohl der Unterhaltung ganze Arbeit geleistet. Regisseur Andreas Homoki feiert das Tauziehen um Liebe, Lust und zwanzig Millionen als Gute-Laune-Spektakel mit viel Slapstick und etwas derbem, aber nicht plattem Humor. Es werden Höschen ausgezogen und an die Telefonschnur geklammert, dem Studium der Weiber will man mittels Erotikheften beikommen und wenn Danilo seine Hanna bei der Damenwahl bloßstellt, bekommt er dafür einen kräftigen Tritt in seine Kronjuwelen. Gleichwohl bleibt Platz für die anderen, schwermütigen Teile von Lehárs berühmtestem Werk: Homoki zeichnet für die Fürstin und ihren Grafen feine, traurige Momente.

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Bettina Jensen hat für eine Hanna Glawari ordentlich Stimmgold in der Kehle. Abgesehen von einem gedämpften Entrée, blieben, wie etwa beim Vilja-Lied, keine Wünsche offen. Zudem kann Jensen auf eine bombensichere Ausstrahlung zurückgreifen und gab die Ulknudel mit üppigem Ausschnitt sowie einer gehörigen Portion Selbstironie. Tom Erik Lie verkörperte den Grafen Danilowitsch mit wundervoller Phrasierung und jeder Menge Charme. Beim Auftrittslied ("O Vaterland Da geh' ich zu Maxim") zog er nicht nur vielfach Damenunterwäsche aus den Taschen sondern auch alle Register seines frei strömenden, eleganten Baritons. Es wäre ungerecht, bei einem Sänger allein die Spiellust anerkennend zu erwähnen. Das ganze Ensemble hatte sichtlich Spaß bei der Narretei: Günter Neumann gab einen köstlich vertrottelten Mirko Zeta, Romana Noack war dessen unanständige und zudem saukomische Gattin Valencienne, Matthias Klink legte deren Liebhaber Camille heißblütig und romantisch an. Nicht zu vergessen: Die unverwüstliche Legende Werner Enders als schelmischer Njegus.

Kirill Petrenko und das Orchester der Komischen Oper erlagen ebenso dem Operettenzauber. Stetig peitschte Petrenko das Tempo nach vorn, packte viel Walzerseligkeit in die melancholischen Klänge, drehte gehörig am Rad der Lehar-Musik. Ein, zwei Bläser blieben mitunter auf der Strecke, trotzdem verdarb dies nicht die Champagnerlaune beim Publikum. Es wurde herzlichst gelacht und frenetisch applaudiert. Leider bleibt es unklar, warum bei einer solchen Produktion am Freitagabend nur etwa ein Drittel der Plätze besetzt ist. Homoki äußerte zu Beginn der Spielzeit, dass er nur noch eine auswärtige Regiearbeit pro Jahr annehmen wolle, um sich mehr um die Auslastung seines Hauses zu kümmern. Er sollte Wort halten, sonst droht nicht Staats- sondern Kulturbankrott. Die Geldscheine, die zuletzt vom Kronleuchter rieseln, entpuppten sich als Flyer: "Empfehlen Sie uns weiter, Pontevedro braucht Sie!"



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