16. Mai 2004
Deutsche Oper Berlin

Werther im Waschsalon

Massenets selten gespieltes Werk an der Deutschen Oper

Programm

Jules Massenet
Werther

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Marc Piollet
Inszenierung: Sebastian Baumgarten
Bühne: Hartmut Meyer
Kostüme: Hildegard Altmeyer

Werther: Paul Charles Clarke
Charlotte: Charlotte Hellekant
Albert: Tom Erik Lie
Sophie: Raquela Sheeran
Amtmann: Roland Schubert
Schmidt: Jörg Schörner
Johann: Josef Becker
Brühlmann: Yosep Kang
Käthchen: Gudrun Sieber

Knabenchor Berlin

Leserbrief/readers comment Druckversion/printversion

Werther im Waschsalon

assenets selten gespieltes Werk an der Deutschen Oper

Von Nora Mansmann / Fotos: Bernd Uhlig

Werther: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Johann Wolfgang Goethes Frühwerk Die Leiden des jungen Werther machte den 23-jährigen Autor über Nacht berühmt und führten bekanntlich zu einer Selbstmordwelle unter enttäuschten Liebenden. Fast hundert Jahre nach dem Erscheinen des Kultromans komponierte der Franzose Jules Massenet eine Oper auf der Basis des Stoffes, die er schlicht Werther nannte und mit einigen aktualisierenden Änderungen versah. An der Deutschen Oper hat sich der junge Regisseur Sebastian Baumgarten des Werkes angenommen und es wiederum ins Heute versetzt.

Aus dem Bühnenboden erhebt sich turmartig ein enger Fahrstuhlschacht (Bühne: Hartmut Meyer) als bestimmendes Element des Raumes. Aus ihm entsteigt Werther, gekleidet in eine Mischung aus Anzug und Adidas (Kostüme: Hildegard Altmeyer). Eine scheue Künstlerperson, die gern beobachtet und eifrig Notizen macht.

Massenet und seine drei Librettisten haben die Figuren anders angelegt als Goethes Original. Vor allem Albert, Lottes Verlobter, hat sich verändert: vom mitfühlenden väterlichen Freund zum gefährlichen Konkurrenten Werthers, der am Ende sogar Lotte zwingt, dem suizidgefährdeten Heißsporn die gewünschten Pistolen selbst zu bringen. Lotte ist in der Oper weniger durch ihr eigenes Pflichtgefühl an Albert gebunden als vielmehr durch einen Eid, den sie gegenüber der sterbenden Mutter leistete. Als Werther stirbt, entscheidet sie sich schließlich doch für ihn, der die Liebe bis zur letzten Konsequenz verfolgt hat. Werther ist glücklich und genießt einen langen Arientod.

Sebastian Baumgarten betont in seiner Inszenierung die Heutigkeit des immer aktuellen Stoffes um Liebe und Leid. Während die ersten beiden Akte sich aufhalten mit einer Rahmenhandlung, einer ausgiebigen Exposition und mit der Einführung unwichtiger Nebenfiguren, konzentriert sich Massenet im zweiten Teil der Oper auf das Wesentliche, auf Werther und Charlotte. Zu den beiden ersten Akten ist dem Regie-Team zwar einiges eingefallen, doch die Frage nach dem Warum und Wozu bleibt leider - dies allerdings schon durch die Anlage des Werkes bedingt - zu oft unbeantwortet.

Werther: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Der dritte und für die Entwicklung der Figuren wichtigste Akt spielt an der Deutschen Oper in einem Waschsalon - kein modernistischer Bühnenbildner-Gag, sondern genau der richtige Ausdruck für das Innenleben Charlottes. Die kalte unwirtliche Umgebung spiegelt ihre Seelenqualen, ihr Hin-und-hergerissen-Sein zwischen Liebe und Angst für/um Werther und der Pflicht Albert, den Eltern und der Gesellschaft gegenüber. Hier erst findet die Inszenierung (wie auch das Werk) wirklich zu sich selbst, das allerdings brillant. Auch für das Folgende erweist sich der Bühnenort als höchst stimmig. Da kommt ein mürrischer Albert nach Hause, der nur kurz die Wäsche vor die Maschine schüttet und mit einer Tasche voller frischer Hemden wieder geht. Ein Saxofonist bringt seine Wäsche und spielt ein einsames Solo, zu dem im Hintergrund ein altes Pärchen tanzt. Werther liest seinen Ossian aus dem Reclamheft vor, während Lotte wie in Trance auf den Waschmaschinen balanciert. Doch in dieser Idylle der Einsamkeit wird Werther plötzlich brutal, und Lotte kann und will seine stürmischen Annährungsversuche nicht erwidern. Für ihn ist das das Todesurteil.

Für den Show-down hat sich Baumgarten eines für die Oper (erstaunlicherweise) noch sehr seltenen Mittels bedient: des Videos. Und der Regisseur setzt die Technik geschickt ein, sowohl für eine Distanzierung als auch für eine Ästhetisierung von Werthers Selbsttötung. Die findet statt im Schwimmbad; die Unterwasserkamera steht im Becken eines Hallenbads, in das sich Werther fallen lässt, und in das ihm Lotte schließlich folgt. Gleichzeitig stehen die beiden Darsteller auf der Bühne, und singen die letzte gemeinsame Arie, in der Werther sich für glücklich erklärt, denn er kann sterben mit der Gewissheit, dass Lotte ihn liebt und sich für ihn entschieden hat.

Den Sängern wird in dieser Produktion viel abverlangt. Körperlicher Einsatz zum einen, vor allem aber hohe schauspielerische Qualitäten - neben der musikalischen Seite. Vollständig zu loben ist für diese 9. Aufführung des Werther das gesamte Solistenensemble. Im Vordergrund stehen hier natürlich Paul Charles Clarke als Werther und Charlotte Hellekant als Lotte, doch mit Tom Erik Lie (Albert), Raquela Sheeran (Sophie), Roland Schubert (Amtmann) u.a. sind auch die kleineren Rollen sehr gut besetzt. Das Orchester spielte unter der Leitung Marc Piollets frisch und lebendig, jedoch mit einigen (vor allem rhythmischen) Unsicherheiten und mit Intonationsmängeln bei den Streichern. Ein anregender Abend mit einer eher selten gehörten Oper in intelligenter und unterhaltsamer Umsetzung.



©www.klassik-in-berlin.de