28. Juni 2004
Deutsche Oper Berlin

Spätromantik, Stars und Staub

Barlogs Inszenierung aus dem Jahr 1969 weiter an der Deutschen Oper

Programm

Giacomo Puccini
Tosca

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Vjekoslav Sutej
Inszenierung: Boleslaw Barlog
Bühne, Kostüme: Filippo Sanjust

Tosca: Ines Salazar
Cavaradossi: Salvatore Licitra
Scarpia: Terje Stensvold
Angelotti: Harold Wilson
Der Mesner: Roland Schubert
Spoletta: Jörg Schörner
Sciarrone: Rüdiger Scheibl
Ein Schließer: Josef Becker
Stimme des Hirten: Knabe des Staats- und Domchores Berlin
Messknaben: Schöneberger Sängerknaben

Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin

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Spätromantik, Stars und Staub

Barlogs Inszenierung aus dem Jahr 1969 weiter an der Deutschen Oper

Von Heiko Schon

Mit emotionalem Wohlklang gießt sich die Musik Puccinis direkt ins Herz. Die Kompositionen sind gefühlvoll, melodiös, leicht verdaulich. Dadurch begeistern seine Opern nach wie vor die Massen und zählen zu den echten Rennern im Repertoire. Mit Puccinis Tosca hat die Deutsche Oper die mit Abstand älteste Inszenierung in der Berliner Musiktheaterlandschaft im Programm. Im Besetzungszettel steht der 13. April 1969 als Tag der Premiere und auf sage und schreibe 307 Vorstellungen hat es das Drama um die naive und eifersüchtige Sängerin in der Regie von Boleslaw Barlog bislang gebracht. Damit schreibt diese Aufführung ein Drittel der Tosca-Geschichte mit. Eine Absetzung dieser Erfolgsproduktion ist derzeit nicht in Sicht.

Tosca: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Wenn man jedoch genauer die Pläne der letzten und künftigen Spielzeiten studiert, entsteht der Eindruck, dass diese Produktion mittlerweile nur noch als Star-Vehikel funktioniert. So stand Maria Guleghina in einer Gala-Vorstellung ("90 Jahre Oper in Charlottenburg") im November 2002 auf der Bühne; Luciano Pavarotti gab vor einem reichlichen Jahr mit der Rolle des Mario Cavaradossi seinen Berlin-Abschied. Im Mai nächsten Jahres wird sich für die einzige Aufführung Neil Shicoff die Ehre geben.

Für die diesjährige Staffel konnte ein Startenor der jüngeren Generation verpflichtet werden: Salvatore Licitra. Der Aufstieg in die erste Liga der Puccini- und Verdi-Interpreten begann für ihn mit einem kurzfristigen Einsprung für Pavarotti an der New Yorker Metropolitan Opera. Seitdem ging Licitras Erfolgskurve sowohl in künstlerischer wie kommerzieller Hinsicht steil nach oben ("Echo-Klassik 2003" als bester Sänger). Und um es gleich vorweg zu nehmen: Er machte seine Sache ziemlich gut. Licitra brachte die ihm verfügbar breite Tenor-Farbpalette ohne Abstriche und mit sehr deutlicher Artikulation zum Einsatz. Die Stimme strahlte kräftig; das hohe C saß wie ein Maßanzug. Einzig sein Wille zum größtmöglichen Volumen brachte eine Prise Angestrengtheit mit sich.

Ines Salazar in der Titelrolle war reiner Augen- und Ohrenschmaus. Da war alles perfekt aufeinander abgestimmt: leidenschaftlich-dramatischer Vortrag, angenehmes Vibrato, fesselnde Aura und keinerlei Intonationsprobleme, die doch öfter im hochdramatischen Sopranfach anzutreffen sind. Salazar bewies bis zum Sprung in die Tiefe Freude am Spiel und warf ihre Spitzentöne wie edle Perlen in den Raum. Auch Terje Stensvold fühlte sich in seiner monotonen Rolle als fies dreinblickender Polizeichef sichtlich wohl. Besonders die dunklen Vokale und seine - im positiven Sinne - abscheuliche Darstellung des Scarpias gelangen dem norwegischen Bariton vortrefflich. Doch Stensvold lies auch ein kleines Stück Ironie durchblicken und hauchte sein Bühnenleben mit einem extra starkem Röcheln aus, was für einige Lacher im Parkett sorgte. Über die übrige Besetzung aus dem Ensemble der Deutschen Oper wird lieber der Mantel des Schweigens gelegt.

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Der musikalische Teil erwies sich als beachtlich. Vjekoslav Sutej blätterte die Partitur von Beginn an nuancenreich auf, schwelgte buchstäblich im Puccini-Rausch und spornte das Orchester zu einem zügig spannenden wie umfangreichen Klangbild an. Mit zartem Nachdruck verstärkte Sutej das musikalische Fundament der Oper und behielt selbst bei den Forteausbrüchen das Gleichgewicht zur vokalen Seite gut im Griff. Von einem angeblichen Ausbluten des Orchesters (lt. noch-GMD Thielemann) war an diesem Abend nichts zu spüren.

Bei aller Klasse der Mitwirkenden bleibt jedoch der fahle Nachgeschmack eines abgenudelten Ausstattungsstückes (Bühne und Kostüme: Filippo Sanjust), welches so ziemlich jedes Klischee dieser Schauerromanze bedient. Dazu gehören die althergebrachten Interieurs: eine sonnendurchflutete Kirche nebst vergitterter Kapelle und klapprigem Malerpodest (1.Akt), ein karges Polizeibüro mit übergroßem Schreibtisch im Palazzo Scarpias (2. Akt) sowie das Dach der römischen Engelsburg (3. Akt). Die Charaktere erscheinen für heutige Verhältnisse erschreckend eindimensional. Auch die Bewegungsabläufe wirkten improvisiert. Entweder hatte man nicht ausreichend geprobt oder keiner erinnerte sich mehr an eine ursprüngliche Personenregie. Hoffentlich wird Kirsten Harms für eine entstaubte Neudeutung dieser tödlichen Dreiecksgeschichte sorgen. Die Zeit ist reif dafür.



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