14. Oktober 2004
Staatsoper unter den Linden

Bilder aus der Vergangenheit

Nagano und Mussbach vollenden an der Staatsoper Takemitsus Lebenswerk

Programm

Toru Takemitsu
Takemitsu - My way of life

Mitwirkende

Staatsoper Unter den Linden

Musikalische Leitung: Kent Nagano
Inszenierung: Peter Mussbach
Bühnenbild: Erich Wonder
Licht: Alexander Koppelmann
Kostüme: EIko Ishioka
Chöre: Eberhard Friedrich

Sopran: Mojca Erdmann
Bariton: Roman Trekel
Diseuse: Georgette Dee

Schauspieler: Melanie Fouché, Christine Oesterlein

Shakuhachi: Kifu Mitsuhashi
Biwa: Yukio Tanaka
Schlagzeug: Yasunori Yamaguchi

Koproduktion mit dem Theâtre du Châtelet in Paris und dem Kajimoto Concert Management Tokyo

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Bilder aus der Vergangenheit

Nagano und Mussbach vollenden an der Staatsoper Takemitsus Lebenswerk

Von Jens Paape / Fotos: Ruth Walz

Takemitsu: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Immer wieder gab und gibt es große Diskussionen um von Nachkommen großer Meister vollendete Werke. Sie drehen sich zum Beispiel um die Frage: War dieses Ende wirklich so im Sinne des Schöpfers oder hatte er ganz andere Ideen?

In der japanischen Tradition ist es nicht nur üblich, sondern sogar die Pflicht der Nachkommen, ein unvollendetes Projekt des Verstorbenen zu vollenden. Toro Takemitsu hatte kurz vor seinem Tod den Wunsch eine Oper zu schaffen, die er nach seinen eigenen Worten im Kopf bereits fertig hatte - aber eben leider nur in seinem Kopf. Kent Nagano und Peter Mussbach versuchten nun das praktisch Unmögliche, ein Werk im Sinne Takemitsus zu schaffen. Da ihnen konkretes Material oder auch nur Skizzen des Komponisten fehlten, gingen sie einen anderen Weg: Sie stellten Kompositionen aus seinem Lebenswerk zu einer Kollage zusammen, angereichert mit Musik und Texten, die Takemitsu beeinflusst haben. Herausgekommen ist dabei zwangsweise letztlich nicht mehr als eine Retrospektive, deren musikalische Elemente einen großen stilistischen Bogen spannen von Takemitsus frühen Werken aus den 1950er Jahren bis zu seinen letzten aus dem Jahre 1996.

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Takemitsu war beeinflusst sowohl von der europäischen Musik als auch - in seinem späteren Werk - von der japanischen Tradition. Auslöser seiner komponistischen Tätigkeit war ein französisches Chanson, das er in einem Militärlager Mitte der 1940er hörte. Dieses und andere Chansons werden während des Abends immer wieder vom Band eingespielt. Überhaupt hatte der Aufbau wenig mit der klassischen Oper gemein, viel mehr mit modernem experimentellen Musiktheater à la Heiner Goebbels - nur leider fehlte hier ein wirklicher Zusammenhalt, ein Thema, eine bewusste Struktur. Die im Programm beschriebene Rahmenhandlung einer alten, sich ihres Lebens besinnenden Frau, wird nicht wirklich deutlich und wirkt aufgesetzt. Einziger Zusammenhalt sind die fünf größeren Werke Takemitsus: Requiem for Strings (1957), November Steps (1967), Family Tree (1992), Stanza I (1969) und My way of life (1990). Alle sind in ihrem musikalischen und theatralischen Ausdruck grundverschieden und spiegeln die unterschiedlichen Schaffensperioden des Komponisten wider. Als Zwischenspiele und Überleitungen dienen elektronische Raumklänge, wie Percussion, Vogelstimmen und Geräusche, sowie Gedichte und kleine Orchesterstücke.

Requiem for Strings ist ein gefälliges, ruhiges Stück für Streichorchester. Es gibt keine Überraschungen, alles fließt.

November Steps wurde für Biwa, Shakuhachi und Orchester geschrieben. Die japanischen Instrumente übernehmen lange Solopartien - vielleicht zu lang für europäische Ohren, denn es wurde bei diesem Stück deutlich unruhig im Saal.

Family Tree gehört wieder einer völlig anderen Gattung an: Eine Sprecherin trägt Gedichte über sich und ihre Familie zu Orchesterklängen vor.

Stanza I ist sicher das avantgardistischste Stück - und das spannendste. Gitarre, Klavier und Vibraphon unterstützt von Harfe und Celeste malen teils vertraute, teils bizarre, manchmal schrille Klänge und als Überraschung tritt aus dem Klangteppich zum Abschluss ein Solo für Mezzosopran hervor - wunderschön gesungen und gesprochen von Mojca Erdmann.

My way of life bringt in einem großen Dialog über Leben, Tod und Zeit Orchester, Chor und den Bariton Roman Trekel zusammen.

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Peter Mussmanns Inszenierung ist von den Bildern und besonders der Lichtgestaltung ein Genuss. Die auftretenden Figuren sind jedoch oft ein Rätsel: Was sollen die langsam durchs Bild wandernden Bären mit ihren bizarr hervorstehendem Genitalien? Und wie passen die Neongirls mit ihren spitzen Brüsten ins Bild? Wenn es hier einen Bezug zum Leben Takemitsus gibt, wird er nicht klar.

Musikalisch waren die Leistung der Staatskapelle unter Kent Nagano, sowie die Darbietungen der Sänger, Sprecher und japanischen Solisten durchaus bemerkenswert. Aber dennoch war der Schlussapplaus des Premierenpublikums nur brav, sehr brav. Kein Jubel, keine Pfiffe - es gab einfach nichts Neues, nichts Abstoßendes, eben nur eine Retrospektive.



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