27. Oktober 2004
Kammermusiksaal der Philharmonie

Klein, aber sehr fein

Ein barocker Abend mit Spectrum Concerts zum Saisonbeginn

Programm

Antonio Vivaldi
Die Vier Jahreszeiten Le Quattro Stagioni
Vier Konzerte für Violine, Streicher und Basso Continuo

Johann Sebastian Bach
Konzert für Violine, Streicher und Basso Continuo in E-Dur, BWV 1042
Konzert für zwei Violinen, Streicher und Basso Continuo in d-Moll, BWV 1043

Mitwirkende

Spectrum Concerts Berlin
Janine Jansen - Solo-Violine
Julian Rachlin - Solo-Violine
Melina Mandozzi - Violine
Jacobien Rozemond - Violine
Joël Waterman - Viola
Maarten Jansen - Violoncello
Stacey Watton - Kontrabass
Jan Jansen - Cembalo

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Klein, aber sehr fein

Ein barocker Abend mit Spectrum Concerts zum Saisonbeginn

Von Jens Paape

Zunächst war der Zuhörer etwas überrascht: Sollte der heutige Abend nicht mit Vivaldis Vier Jahreszeiten beginnen? Aber auf der Bühne standen aber nur wenige Notenständer und ein Cembalo. In den letzten Jahren hat man sich daran gewöhnt, dass dieses berühmte Konzert in relativ großer Besetzung dargeboten wird - bis hin zur Symphonieorchesterstärke. Vom Charakter her also als ein Stück für Solovioline mit Begleitung.

Janine Jansen

Ganz anders Spectrum Concerts. Sie spielten in absoluter Minimalbesetzung: je eine erste und zweite Violine, Bratsche, Violoncello, Bass, Cembalo und natürlich die Solovioline. Das Klangerlebnis war daher auch zunächst ungewohnt: Kein breiter symphonischer Klangteppich sondern sieben sehr feine Einzelstimmen, die sich unglaublich präzise zu einem Ganzen zusammenfügten. Nachdem man sich im Allegro des Frühling eingehört hatte, erkannte man im ruhigen Largo sofort die Vorteile dieser Besetzung. Jede Stimme ließ sich genauestens verfolgen, die Komposition bekam auf einmal eine unglaubliche Transparenz und Klarheit. Weg von der gesichtslosen Fahrstuhlmusik hin zur filigranen Vielschichtigkeit. Allerdings gibt es weltweit sicher nur wenige Ensembles, die in der Lage sind, dies so umzusetzen. Es erfordert eine große Präzision im Zusammenspiel und ein absolutes Verstehen unter den Musikern - beides Qualitäten die Spectrum Concerts seit jeher auszeichnen. Wer nicht nur die Ohren, sondern auch die Augen offen hielt, konnte die ständigen Blickwechsel zwischen allen Musikern bemerken: ununterbrochene Feinabstimmung der Einsätze, der Betonungen, der Klangnuancen - und natürlich Ausdruck der Spielfreude.

Janine Jansen als Solisten leitete mit großem Einsatz und hätte für die ständigen Blickkontakte - besonders mit der ersten Geige und dem Cello - eigentlich zwei Paar Augen gebraucht. Sie kostete ihre Solopartien aus, spielte dynamisch rasant, aber nie abgehoben oder losgelöst von den anderen. Es blieb immer ein Gemeinschaftswerk und sie ließ jedem Raum für seine Stimme.

Zurück zum Ablauf: Das Allegro non molto des Sommer war unglaublich in der Präzision und in der Rasanz der schnellen Passagen, die vielen Wechsel der Tempi wirkten natürlich und gleichzeitig wechselte die Klangfarbe. Jansen nahm sich ein paar Freiheiten, streute aufregende Blue Notes ein und die Schlusskadenz verhallte im Nichts - eine interessante Variante. Beim Adagio gefiel besonders das Zusammenspiel von 1. und 2. Violine und das rasante Presto verursachte regelrecht eine Gänsehaut - wow!

Julian Rachlin

Im Adagio molto des Herbst spielten die Streicher so zart - fast unhörbar -, dass das Cembalo ungewöhnlich deutlich hervortrat. Das anschließende Allegro zauberte Jansen bei den Blickwechseln mit der ersten Geigerin immer wieder ein Lächeln auf die Lippen.

Zartes Flirren in den Streichern, abgewechselt mit wilden Läufe in der Sologeige eröffneten den Winter. Im Largo schafften die Musiker in Sekundenbruchteilen ständige Stimmungswechsel und das abschließende Allegro steigerte sich zu einem letzten Höhepunkt.

Selbst das Sehr Gute verblasst neben dem Hervorragenden. Diese Erfahrung machten die Zuhörer in der zweiten Konzerthälfte. Julian Rachlin übernahm die Sologeige und spielte zunächst Bachs Violinenkonzert in E-Dur. Er spielte schön, sauber, der Ton war warm und behaglich. Aber gegenüber Jansen spielt Rachlin ein bisschen weniger schwungvoll, ein bisschen weniger aggressiv. Auch er kommunizierte mit den anderen Musikern, aber wenn ein Blick von Jansen ausdrückt "Jetzt geht's los!", fragt ein Blick von Rachlin mehr "Seid ihr so weit?". Es sind feine Unterschiede, aber im direkten Vergleich doch auffällig. Auch hat Jansen ein besseres Gespür für Phrasen, was im abschließenden Konzert für zwei Violinen deutlich wurde. Die langen Themen im ersten und dritten Satz wirken bei Jansen runder, abgeschlossener. Die beiden gleichrangigen Stimmen der Violinen in diesem Bachschen Konzert können durchaus zum Wettstreit anstacheln, Rachlin und Jansen waren allerdings mehr um Harmonie bemüht - sehr schön, aber eben nicht unbedingt mitreißend. Hervorragend waren auch in der zweiten Hälfte die anderen Musiker. Auffallend besonders Stacey Watton, der derart beschwingt - fast swingend - die Basslinie spielte, dass es eine Freude war ihm gezielt zuzuhören.

Der gut gefüllte Kammermusiksaal war begeistert und holte die Musiker sowohl vor der Pause als auch zum Schluss immer wieder auf die Bühne. Mit der Wiederholung des dritten Satzes aus dem Konzert für zwei Violinen bedankten sich die Musiker beim Publikum.



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