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16. April 2004 Deutsche Oper Berlin Alles tanzt nach meiner PfeifeSalome in einer Wiederaufnahme an der Deutschen Oper |
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ProgrammRichard StraussSalome |
MitwirkendeDeutsche Oper BerlinMusikalische Leitung: Marc Albrecht Inszenierung, Bühne, Kostüme: Achim Freyer Licht: Ulrich Niepel Dramaturgie: Brunhild Matthias Herodias: Ute Walther Herodes: René Kollo Salome: Inga Nielsen Jochanaan: James Johnson Narraoth: Clemens Bieber Ein Page: Andion Fernandez Erster Jude: Burkhard Ulrich Zweiter Jude: Volker Horn Dritter Jude: Peter Maus Vierter Jude: Jörg Schörner Fünfter Jude: Roland Schubert Erster Nazarener: Pièr Dalàs Zweiter Nazarener: Tom Erik Lie Erster Soldat: Josef Becker Zweiter Soldat: Harold Wilson Ein Cappadocier: Chong-Boon Liau Ein Sklave: David Knutson |
Alles tanzt nach meiner PfeifeSalome in einer Wiederaufnahme an der Deutschen OperVon Heiko Schon / Fotos: Monika Ritterhaus Achim Freyer muss man als künstlerisches Multitalent bezeichnen: Er ist Maler, Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner in einer Person. Natürlich ist auch Freyer ein Globetrotter unter den Theatermachern und hat in Häusern auf der ganzen Welt Stücke erarbeitet. In Berlin gilt der Musterschüler Bertolt Brechts als Garant für hohe Auslastungen. So spannt sich der musische Bogen über die seit Jahren populäre Ruth-Berghaus-Inszenierung des Barbiers von Sevilla (Staatsoper), zu der Freyer Bühne und Kostüme beisteuerte, bis zu eigenen Arbeiten wie Orfeo ed Euridice und Messa di Requiem (beides Deutsche Oper). Nun, kurz nach seinem 70. Geburtstag, feierte seine heftig umstrittene Salome, die in der letzten Spielzeit Premiere hatte, Wiederaufnahme.
Ort der Handlung ist offenbar eine Art surreale Schiffsanstalt, angedeutet durch eine Bühne in Form eines halben Achteckes, eingeteilt in ein schwarzes und drei gelbe spitz zulaufende Stücke. Jedes dieser Teile hat eine Tür, die sich dann und wann öffnet, um den Blick auf einige Tanz- und Partyszenen freizugeben. Hinter der Tür des schwarzen Abschnitts verbirgt sich der inhaftierte Prophet Jochanaan. Salome betritt mit neongrüner Haarsträhne und einem Plüschlöwen die Kulisse. Sie ist ein unreifes, kindisches und verwöhntes Frauenzimmer, die alles haben muss, was ihr Interesse weckt, auch wenn dies nur von kurzer Dauer ist. Schließlich lebt Salome in einer Wegwerfgesellschaft. In ihrem egozentrischen Kopf hat sie keinen Platz für die Belange ihrer Mitmenschen. Wie denn auch, ist sie doch in emotional asozialen Verhältnissen und unter einer alkoholkranken Mutter aufgewachsen. Die bedingungslose Liebe von Narraboth wird ausgenutzt. Als dieser sich selbst umbringt, nimmt Salome nicht mal Notiz davon. Als Objekt der Begierde stößt sie auf Jochanaan, der für kurzweiligen Zeitvertreib besser geeignet zu sein scheint als die Kriegsbilder, die über den Fernseher flimmern. Salomes Verlangen steigert sich, als der Heilige sie nicht ansehen, geschweige denn küssen will. Dies kann Salome nicht hinnehmen, bekommt sie doch sonst, was sie einfordert. Sich voll ihrer sexuellen Reize bewusst, wickelt Salome ihren Stiefvater Herodes um den kleinen Finger. Der Tanz der sieben Schleier geht als Mischung aus Aerobic und Polonaise über die Bühne. Fast schon belustigend naiv wirkt es, als Herodes Salome Juwelen und Opale als Geschenk für deren Darbietung aufdrängen will. Stur sitzt Salome das aus, bis ihr die Nerven durchgehen und sie Herodes ihre Trichterbrüste vor die Füße schmeißt. Sie will den Kopf des Jochanaan in einer Silberschüssel haben. Ihrem Verlangen wird nachgegeben. Entsetzt wohnen Herodias und Herodes dem widerwärtigen Spiel Salomes bei. Als diese zuletzt erkennt, dass es mehr gibt als Macht und Besitz, ist es zu spät. Salomes Tod erfolgt nach der Holzhammermethode: Herodes lässt das Weib in Stücke reißen.
Das grelle Bühnenbild, die trashig schwarz-weiß gestreiften Kostüme und die stilisierten Bewegungsabläufe sind typisch Freyers Handschrift. Dazu verabreicht er eine bittere Regiepille mit Langzeitwirkung. Unerbittlich hält er uns den Spiegel vor und zeigt uns in welch materialistischen und zynischen Zeiten wir leben. Dies ist die Abrechnung eines Künstlers mit der Konsum- und Ellenbogengesellschaft. Dass diese bizarre Version gerade dem Publikum der Deutschen Oper sauer aufstieß, war vorauszusehen. Entziehen kann man sich seiner Interpretation aber keinesfalls. Dergleichen lässt sich von Inga Nielsen nicht behaupten. Sollte es sich nicht um eine schlechte Abendkondition gehandelt haben, so dürfte sie ihren Zenit deutlich überschritten haben. Zumindest als babylonische Königstochter kann Nielsen nicht verhehlen, dass ihr Vortrag sowohl stimmlich als auch äußerlich unglaubwürdig wirkte. Die herausgeschleuderten Spitzentöne und die matte Mittellage kamen mehr und mehr zum Erliegen, so dass ihre Schlussarie fast im Sprechgesang endete. Ute Walther sauste als trinkfest-tobende Herodias überzeugend über die Bühne. James Johnson gab eine voluminöse und beängstigende Version des Jochanaan. Einige unsaubere Höhen nahm man für seine Textdeutlichkeit gern in Kauf. Allesamt verblassen jedoch gegen René Kollo. Mit welch virtuosem Glanz, bestechender Artikulation und spöttischem Spiel er den Herodes serviert, ist schlichtweg atemberaubend.
Zu den weiteren Pluspunkten zählte auch das Dirigat Marc Albrechts. Regelrecht nervenzerfetzende Energien entwuchsen der Aufführung aus dem Orchestergraben. Albrecht vermied zarte lyrische Schwingungen und lotete vielmehr die dramatischen Steigerungen der Partitur aus. Salome steht innerhalb der Strauss-Festtage der Deutschen Oper wieder im Januar 2005 auf dem Spielplan. Die Titelpartie gestaltet dann wieder Susan Anthony; die musikalische Leitung wird bei Ulf Schirmer liegen. |