10. Januar 2004
Deutsche Oper Berlin

Szenisch und musikalisch überzeugender Rigoletto

Hans Neuenfels' Inszenierung im Rahmen der Verdi-Festspiele

Programm

Giuseppe Verdi
Rigoletto

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Michail Jurowski
Inszenierung: Hans Neuenfels
Bühne: Hans Neuenfels, Dirk von Bodisco
Kostüme: Dirk von Bodisco
Chöre: Hellwart Matthiesen

Der Herzog von Mantua: Tito Beltrán
Rigoletto: Ambrogio Maestri
Gilda: Ofelia Sala
Der Graf von Monterone: Harold Wilson
Graf Ceprano: Josef Becker
Gräfin Ceprano: Raquela Sheeran
Marullo: Jürgen Kurth
Matteo Borsa: Jörg Schörner
Sparafucile: Arutjun Kotchinian
Maddalena: Svetlana Serdar
Giovanna: Kari Hamnøy
Ein Gerichtsdiener: Miomir Nikolic
Eine Hofdame: Kristina Griep

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Szenisch und musikalisch überzeugender Rigoletto

Hans Neuenfels' Inszenierung im Rahmen der Verdi-Festspiele

Von Melanie Fritsch / Fotos: Deutsche Oper Berlin

Einem die italienische Oper im 19. Jahrhundert am stärksten prägenden Komponisten widmet die Deutsche Oper im Januar ein Festival: Giuseppe Verdi. Nach Bellini, Donizetti und Rossini hat er die traditionelle Oper nach "Nummern" geordnet und strukturell so verändert, dass er sie in Richtung eines neuen, umfassenderen Begriffes von Musiktheater führte. Damit legte er wichtige Grundsteine für nachfolgende Komponisten wie Puccini, und sein Wirken beeinflusste die Musik bis in das 20. Jahrhundert hinein.

Neben La Traviata und Ein Maskenball ist im Rahmen des Festivals noch dieses dritte großes Werk Verdis zu sehen: Rigoletto, inszeniert von Hans Neuenfels. Ihre Uraufführung erlebte die Oper am 11. März 1851 in Venedig im Teatro La Fenice. Zuvor musste sie auf Druck der Zensur jedoch mehrfach umgearbeitet werden. Die vom Librettisten Francesco Maria Piave benutzte Vorlage, das Versdrama Le Roi s'amuse von Victor Hugo (1832), bezog sich auf das wüste Treiben des französischen Königs Franz I., der in die Figur des Herzogs von Mantua Eingang fand. Doch als wesentlich anstößiger wurde empfunden, dass der Protagonist der Oper ein Buckliger sein sollte. Auch wenn Verdi sich ansonsten kooperativ zeigte, bestand er allerdings hartnäckig auf diesen Punkt - und der große Erfolg der Uraufführung gab ihm schließlich recht.

Rigoletto: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Hans Neuenfels' Inszenierung ist nicht minder erfolgreich über die Bühne gegangen. Grund dafür ist auch das hervorragende Ensemble, allen voran Ofelia Sala als Gilda. Mit ihrem strahlenden Sopran meisterte sie die schwierigen Partien mit einer traumhaften Leichtigkeit und Sicherheit, verführte einen gelegentlich dazu, die Augen zu schließen und sich nur auf das Hören zu konzentrieren. In Ambrogio Maestri als Rigoletto hat sie einen würdigen, stimmgewaltigen Partner. Tito Beltrán bot einen gestalterisch soliden Herzog von Mantua, die weltberühmte Kavatine "La donna è mobile" präsentierte er ebenso wie die übrige Partie sicher und griffig. Allerdings verliert er stimmlich gegenüber Ofelia Sala. Einen furiosen, wenn auch leider relativ kurzen Auftritt liefern Svetlana Serdar als Maddalena und Arutjun Kotchinian als Sparafucile, beide wissen mit kräftigen Stimmen und einer klaren Rollengestaltung zu begeistern.

Zusammen mit dem unter der Leitung von Michail Jurowski akzentuiert aufspielenden Orchester bietet sich dem Zuschauer und -hörer ein Ohrenschmaus, der die Musik Verdis ernsthaft präsentiert und nicht zum akustischen Perlen in einem Sektglas verkommen lässt. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass dieser Rigoletto nahezu "vollständig", d.h. ohne die sich traditionell eingeschlichenen Kürzungen, gespielt wird.

Die Inszenierung trägt dem Rechnung, was besonders in der Gestaltung der Figur des Herzogs zum Ausdruck kommt: Anstelle eines weinseligen Frauenhelden steht ein Mann, dessen Gefährlichkeit immer hintergründig zu spüren ist. Auch wenn er mit der Flasche in der Hand der blauen Blume hinterher jagt, die Maddalena ihm vorhält, bleibt er doch der Monarch, der ohne Skrupel Menschen vernichtet, die ihm nicht zu willen sind oder im Wege stehen. Begleitet wird er von seinen Höflingen, einem Magus sowie mehreren Traumtänzern, die seine Taten wie z.B. sein "Werben" um die Gräfin Ceprano - bei Neuenfels kommt dies einer Vergewaltigung gleich - illustrieren. Er ist Machtmensch durch und durch. Rigoletto steht hinter dieser Macht und versucht sie für seine Zwecke zu nutzen, auch wenn er sich dafür in einem rosa Schweinchenkostüm bei Hofe sehen lassen muss.

Rigoletto: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Szenische Einfälle lockern diesen düsteren Reigen, der bezeichnenderweise auf einem Friedhof beginnt, wo die Traumtänzer während der Séance mit den Skeletten einen erotischen Danse macabre tanzen, immer wieder auf. So z. B. wenn sich der Ort, an den Gilda von ihrem Vater zum Schutz vor der Welt gebracht wurde, als einsame Tropeninsel herausstellt oder wenn sie von einem Plexiglassturz, auf welchem "Villa Rigoletto" steht, überstülpt wird und die Höflinge sie in Froschkostümen entführen, indem sie mit einer (Wetterfrosch-) Leiter über diesen Sturz kraxeln.

Ein besonderes Kompliment verdient der Einsatz des Chores, der immer wieder als spöttisch beobachtender, dabei nicht minder gefährlicher Haufen alter Männer auftritt. Alles in allem erlebt der Zuschauer einen genau analysierten Verdi, der sowohl szenisch als auch musikalisch einen kantigen aber dennoch greifbaren Eindruck hinterlässt.



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