6. April 2004
Staatsoper Unter den Linden

Tod auf dem Spieltisch

Pikowaja Dama in einer Co-Production mit der Nationaloper Warschau

Programm

Peter Iljitsch Tschaikowsky
Pikowaja Dama

Mitwirkende

Staatsoper Unter den Linden
Musikalische Leitung: Daniel Barenboim
Inszenierung: Mariusz Trelinski
Bühnenbild: Boris Kudlička
Kostüme: Magdalena Teslawska, Pawel Grabarczyk
Licht: Franz Peter David Chöre: Eberhard Friedrich
Choreographie: Emil Wesolowski
Dramaturgie: Ilka Seifert

Herman: Victor Lutsiuk
Graf Tomski: Hanno Müller-Brachmann
Fürst Jeletzki: Alfredo Daza
Tschekalinski: Ilya Levinsky
Surin: Martin Snell
Tchaplitsky: Peter Menzel
Narumow: Gerd Wolf
Zeremonienleiter: Ilia Iossifov
Countess: Ute Trekel-Burckhardt
Lisa: Galina Gorchakova
Polina: Ekaterina Sementschuk
Gouvernante Barbara Heising
Masha: Adriane Queiroz

Staatskapelle Berlin
Staatsopernchor

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Tod auf dem Spieltisch

Pikowaja Dama in einer Koproduktion mit der Nationaloper Warschau

Von Heiko Schon

Ein Stich in die Brust. Das Chorgebet schwillt an. Und Hermanns Seele findet endlich seine Ruhe. Diese starke Schlusssequenz zeigt noch einmal worum es bei dieser Pique Dame geht: Was Sucht in jedweder Form aus einem Menschen machen kann.

Tschaikowskys Oper, 1890 mit überwältigendem Erfolg in Petersburg uraufgeführt, unterscheidet sich erheblich von Alexander Puschkins Novelle. Im Gegensatz zu Puschkin, der die sozialen Spannungen der damaligen Kaiserzeit in den Mittelpunkt der Geschichte rückte, erzählen Peter Tschaikowsky und sein Librettist und Bruder Modest von den psychologischen Konflikten der Protagonisten.

Das Drama um den Offizier beginnt im rot funkelnden Spielsalon. Bereits hier lässt der Regisseur in Gestalt von vier fuchskopfartigen Dämonen die Wahnvorstellungen Hermanns deutlich werden. Er glaubt, dass seine Liebe zu Lisa nur dann eine Zukunft hätte, wenn genug Kapital vorzuweisen wäre. Als ihm sein Freund Tomski (trotz angesagter Erkältung eine kluge und anspruchsvolle Gestaltung: Hanno Müller-Brachmann) die Geschichte der drei immer trumpfenden Karten erzählt, glaubt er sich kurz vor dem Ziel. Dieses Geheimnis kennt jedoch nur Lisas Großmutter - die Gräfin.

Als Hermann seine Angebetete benutzt, um nachts in das Zimmer der alten Frau zu gelangen, erschrickt diese jedoch zutiefst, als er energisch an sie herantritt, und stirbt. Während der Erinnerung Hermanns an ihre Totenfeier, erscheint der Geist der Gräfin um doch noch die Kartenabfolge zu benennen: Drei, Sieben, Ass. Auf dem Weg ins Casino trifft er auf Lisa, die bereit ist, ihm zu vergeben. Als sie seinen Wahn erkennt und von ihm in höchster Verwirrung zurückgelassen wird, stürzt sie sich verzweifelt in die Newa. Nach zwei gewonnenen Spielen ist nur noch sein Kontrahent Fürst Jeletzki bereit, gegen Hermann anzutreten. Hermann setzt alles auf das Ass. Doch als die Karten aufgedeckt werden, hält er eine Pique Dame in den Händen. Hermann sieht nur einen Ausweg…

Dank der ersten Aufführungen mit Placido Domingo in der Hauptpartie wurde diese Koproduktion mit der Nationaloper Warschau, das deutsche Operndebüt des Polen Mariusz Trelinski, mit großem medialem Aufsehen verfolgt. Trelinski präsentiert das Porträt eines rastlosen Verlierers, der sein Glück im schnellen Reichtum sucht, um darin doch nur den Untergang zu finden. Konsequent stellt er Hermann in den Mittelpunkt seiner düsteren Inszenierung, lässt Elemente gar aus dessen Sicht erzählen, wobei Realität und Fantasie ineinander verwischen. Wie in einen Strudel aus Gier und Geld gerissen, verfolgt Hermann seinen Plan. Er kann und will sich nicht daraus befreien. Sein schlussendliches Scheitern geht unter die Haut. Dass Trelinski vom Film kommt, merkt man seiner Erzählweise deutlich an. Die durchaus sinnvoll eingeschobenen Hintergrundclips entfalten ihre Wirkung jedoch ausschließlich im Parkett. Gerade die auf Illusionen aufgebaute Gewitter-Szene am Ende des ersten Bildes verliert die Spannung, sobald man nicht frontal zur Bühne sitzt. Oftmals tritt die Ausstattung zu stark in den Vordergrund, jedoch passt dies vielleicht zur Oberflächlichkeit des Glücksspiels. Bisweilen bleibt aber die Geschichte sich selbst überlassen, so dass alles an den Solisten hängt.

Viktor Lutsiuk, der nach einem früheren Einsprung für Domingo nun Vladimir Galouzine vertrat, präsentierte sich in ausgezeichneter Form. Sein strahlkräftiger und dunkel timbrierter Tenor passte perfekt zur Rolle des Außenseiters. Mit nie ermüdender Kondition sang und spielte er unbeirrbar dem Ende Hermanns entgegen. Galina Gorchakova gab mit klarer Stimme in der Mittellage und viel Gefühl eine innerlich zerrissene Lisa, die in den Höhen jedoch etwas zum Tremolo neigte. Leider vermochte Ute Trekel-Burkhardt ihre stimmlichen Abnutzungserscheinungen, die bei der Rolle der Gräfin gern in Kauf genommen werden, nicht mittels entsprechender Bühnenpräsenz auszugleichen. Die aufgedonnerten Kostüme als Grande Dame nahmen zudem jeden Charakter dieser Schlüsselfigur. Alfredo Daza war mit seinem mexikanischen Schmelz in der Stimme eindeutig fehlbesetzt für den Part als Fürst Jeletzki. Alle anderen Nebenrollen waren gut besetzt. Hier ragte besonders die Polina von Ekaterina Sementschuk heraus. Ihr lieblicher und wohlklingender Mezzosopran setzte einen leuchtenden Kontrast im dunklen Sängerensemble.

Der Chor unter Eberhard Friedrich, stets ein Qualitätsgarant, war hervorragend einstudiert. Daniel Barenboim und seine Staatskapelle sorgten für emotionalen Klanggenuss. Das Dirigat überzeugte durch eine aufwühlende und mitreißende Interpretation. Barenboim setzte tragische Akzente, auch wenn dies mehrfach das Volumen der Sänger übertönte. Warum aber im farbenfrohen Maskenball, einschließlich monströser Zarin, das Schäfer-Intermezzo gestrichen wurde, bleibt ein Rätsel.

(Leider stellt uns die Staatsoper keine Fotos zur Verfügung)



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