19. Januar 2004
Staatsoper unter den Linden

Die leise Oper

L'Orfeo an der Staatsoper in einer Gemeinschaftsproduktion mit den Innsbrucker Festspielen

Programm

Claudio Monteverdi
L'Orfeo

Mitwirkende

Akademie für Alte Musik Berlin
Concerto Vocale
Vocalconsort Berlin

Musikalische Leitung: René Jacobs
Inszenierung: Barrie Kosky
Bühnenbild: Klaus Grünberg
Kostüme: Miro Paternostro
Licht: Nigel Levings
Dramaturgie: Andras Siebold

La Musica, Euridice: Nuria Rial
Orfeo: Stéphane Degout
Messagiera, Proserpina: Marie-Claude Chappuis
La Speranza: Carlos Mena
Caronte: Paolo Battaglia
Apollo: Topi Lehtipuu
Plutone: Sergio Foresti

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Die leise Oper

L'Orfeo an der Staatsoper in einer Gemeinschaftsproduktion mit den Innsbrucker Festspielen

Von Jens Paape / Fotos: Rupert Larl

L'Orfeo

Auch wenn im Prolog die Trompeten aus den Logen schmettern, ja, diese Oper ist leise - leise und langsam. Es gibt keine großes Opernorchester, der Chor ist lediglich 13-stimmig, die Handlung einfach, das Bühnenbild schlicht. Aber um es gleich vorwegzunehmen, das ist mitnichten ein Mangel.

Monteverdi hat L'Orfeo 1607, also 100 Jahre vor Händels und 160 Jahre vor Mozarts erster Oper geschrieben. Sie gilt gemeinhin als erstes Werk dieser Gattung überhaupt. Die Musik ist schlicht, die Harmoniewechsel vorhersehbar, es gibt keine einprägsamen Melodien und die Besetzung von Orchester und Sängern war den damaligen Umständen und Gepflogenheiten angepasst. Dennoch ist die Musik keineswegs einfach oder gar langweilig. Gerade die einfache Harmonik macht sie hörenswert, das gilt für die Orchesterpassagen und ganz besonders für die Chöre. Auch hat es Monteverdi verstanden mit seiner Musik die Stimmungen der Handlung auszudrücken und zu unterstützen.

Die Geschichte von Orpheus und Eurydike entstammt der griechischen Mythologie. Die Handlung zwischen Sterblichen, Halbgöttern und Göttern spielt zwischen Irdischem, Unterwelt und Himmel und wurde im Laufe der Jahrhunderte immer wieder leicht verändert. Der Inhalt ist schnell erzählt: Orpheus und Eurydike sind ein junges Paar und schwelgen im Glück, bis Eurydike durch einen Schlangenbiss getötet wird. Orpheus beschließt in seiner Verzweiflung über den Verlust in die Welt der Toten hinabzusteigen und von Pluto Erbarmen zu erflehen oder selbst als Toter dort zu bleiben. Seine Gesänge erweichen Proserpinas Herz und diese bittet ihren Gatten Pluto um Gnade für Orpheus. Die Rückkehr Eurydikes in die Welt der Lebenden ist jedoch an die Bedingung geknüpft, dass Orpheus sie nicht ansehen darf, solange er im Reich der Toten ist. Zunächst hält er sich an dieses Verbot, zweifelt dann aber, ob sie ihm wirklich folgt, wendet sich um und verliert seine Geliebte für immer. Zurück im Tageslicht jammert er weiter, bis Apollo ihn erhört und ihm ewiges Leben im Himmel verspricht.

L'Orfeo

Das Problem bei der Aufführung mit historischen Instrumenten ist, dass sie schwerer zu stimmen sind als moderne Instrumente, bzw. mit zunehmender Erwärmung und Luftfeuchtigkeit während der Aufführung leicht verstimmen. Überraschend daher schon im Prolog die absolut sauberen Trompeten und Posaunen und erstaunlich die unverändert reine Stimmung bis zum letzten Ton. Die Musiker unter René Jacobs verteilten sich in mehrere Gruppen um die Bühne. Je eine rechts und links, eine im Orchestergraben und eine ganz hinten im Bühnenraum. Diese Musikergruppe war leider akustisch stark benachteiligt, soll sie doch eigentlich den Part der himmlischen Musik übernehmen und damit zwar weit entfernt, aber dennoch klar und deutlich zu hören sein.

Beieindruckend der Chor: Obwohl sparsam besetzt, gelang ihm ein unglaublich voller Klang. Die Stimmen waren klar getrennt und fügten sich zu einem sauberen Gesamtbild. Es erfordert schon einiges Können, wenn die wenigen Sänger auch noch räumlich getrennt auf der Bühne verteilt sind und nicht in Stimmgruppen zusammenstehen. Besonders herauszuheben sind die fünfstimmigen "Chöre der Geister" im 3. und 4. Akt.

Orfeo und Eurydike sind mit Stéphane Degout, einem voll tönenden Bariton, und Nuria Rial mit klarem aber warmem Sopran hervorragend besetzt. Weiterhin herauszuheben sind Marie-Claude Chappuis als Silvia und Topi Lehtipuu als Apollo, der nicht nur stimmlich sondern auch mit seinen unglaublich geschmeidigen Bewegungen überzeugte. Ein weiterer Höhepunkt: Das Klageduett der Hirten.

L'Orfeo

Das Bühnenbild von Klaus Grünberg kommt mit wenig aus. Der Wechsel der Bilder vollzieht sich langsam vor den Augen der Zuschauer, so gibt es keine Unterbrechungen. Etwas unklar sind die Häuser, Telefone und Babys als Hintergrund im Schattenreich und das häufige Rascheln mit Notenblättern ist bei den leisen Tönen oft zu laut und störend. Wie das Bühnenbild, so sind auch die Bewegungen der Handelnden auf der Bühne langsam und bedächtig. Einzig in der Freudenszene im 2. Akt gibt es ein paar schnelle, tanzende Bewegungen.

Interessant der Schlussapplaus: Fast zaghaft setzte er ein, wurde lauter und mit Bravo-Rufen gespickt und steigerte sich dann zu donnerndem Klatschen und Stampfen. Es ist schon wohltuend mitzuerleben, dass auch heute, in unserer durch Videoclips geprägten Welt, Erfolg ohne Action, bunte Bilder und laute Töne möglich ist.

Ach, noch etwas war bei dieser Aufführung ungewöhnlich leise: Das Publikum. (Fast) kein Husten oder Räuspern während der beinahe 2 Stunden - und das im Januar!



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