17. Oktober 2004
Deutsche Oper Berlin

Im Garten Neuenfels

Verdis Nabucco an der Deutschen Oper

Programm

Giuseppe Verdi
Nabucco

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Vjekoslav Sutej
Inszenierung: Hans Neuenfels
Bühne, Kostüme: Reinhard von der Thannen
Dramaturgie: Yvonne Gebauer
Regie-Mitarbeit: Leo Krischke
Chöre: Ulrich Paetzholdt

Nabucco: Bruno Caproni
Ismaele: Michal Lehotsky
Zaccaria: Arutjun Kotchinian
Abigaille: Susan Neves
Fenena: Ulrike Helzel
Oberpriester des Baal: Kevin Bell
Abdallo: Volker Horn
Anna: Robin Johannsen
Frank Frühkirch: Alexander Heidenreich
Dagmar: Carola Freiwald

Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin

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Im Garten Neuenfels

Verdis Nabucco an der Deutschen Oper

Von Heiko Schon / Fotos: Bernd Uhlig

Verdi und Neuenfels: Das hatte unter der Ära von Götz Friedrich lange Tradition am Haus in der Bismarckstraße. Angefangen 1982 mit der Macht des Schicksals (Wiederaufnahme im April 2005) über Rigoletto (1986) und Der Troubadour (1996) kann man mit dem im Jahre 2000 herausgebrachten Nabucco fast von einem kleinen Zyklus sprechen. Friedrich sah in Hans Neuenfels immer einen Kontrapunkt zu seinem eigenen Inszenierungsstil, weshalb er ihn auch immer wieder verpflichtete. Friedrichs Nachfolger Udo Zimmermann konnte Neuenfels zumindest noch für Mozarts Idomeneo gewinnen. Durch den Rausschmiss Zimmermanns und die Aufnahme der Beratertätigkeit durch Ioan Holender, der bekennender Feind des Regietheaters ist, erklärte Neuenfels die Allianz mit der Deutschen Oper für beendet. Der Erfolg seiner Regiearbeiten steht trotzdem nicht in Frage, da sich all diese Werke noch immer im Spielplan des Hauses befinden.

Nabucco: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Neuenfels stellt in seinem Nabucco das Schicksal des jüdischen Volkes in den Handlungskern, wobei er orthodoxe Frömmigkeit mit einer kindlichen und doppelschneidigen Sichtweise vermixt. Entstanden ist eine erleuchtende wie erheiternde Sicht auf den jungen Verdi.

Nabucco selbst huscht mit goldener Papierkrone und viel zu großem Samtmantel über die grasgrünen Bühnenbretter. Die feindseligen Babylonier treten als Gärtner-Völkchen in Aktion; der Oberpriester des Baal und seine Putschanhänger krönen als rhythmisch-wippende Wespen Abigaille zu ihrer Königin. Mit Reinhard von der Thannen hat der Regisseur zudem einen kongenialen Bühnen- und Kostümbildner an seiner Seite, der es mit seinen Entwürfen versteht, vordergründig zu verharmlosen, um dahinter buchstäblich den Neuenfelschen spitzen Stachel auszufahren. Seine extravaganten Insektenfigurinen wurden 2000 als "bestes Kostüm" (Opernwelt) ausgezeichnet.

Leider ist Neuenfels eine dramaturgische Ebene zu wenig, so dass er mit den Figuren des Frank Frühkirch und dessen Freundin Dagmar zwei Realcharaktere schafft, die "zufällig" in das Bühnengeschehen eintauchen, es beobachten und den Ablauf kommentieren. Dazu steht ein Laptop auf der Bühne, in den Frank Frühkirch private Mitteilungen, Eindrücke und Fragen (Im Zentrum: "Was, wenn ich Jude wäre, würde ich tun?") einhämmert. In der Folge übersetzt er mitunter das italienische Libretto. Hier zweifelt Neuenfels an seiner eigenen Maxime, nie eine Oper zu übertiteln. Die beiden Personen wirken sich mitunter konträr aus und lenken von dem tatsächlichen Geschehen ab. Auch ist es nicht nötig Identitätsfiguren einzubauen, wenn man der Handlung selbst beiwohnt. Die Szenenbilder allein sind es - wie etwa der Auftritt Nabuccos als Schänder jüdischen Glaubens - die den Zuschauer in den Sitz drücken. Dieser Sprengkraft allein hätte Neuenfels vertrauen können.

Nabucco: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Bei den Solisten stach Susan Neves in der Rolle der machthungrigen Abigaille alle aus. Wenn auch ihr Piano etwas flackerte, so konnte Neves doch auf einen erdigen Sopran zurückgreifen, der beim Abheben in obere Höhen Wände erzittern ließ. Ein markerschütternder Aufschrei fesselte dabei in gleichem Maße wie ihre rollenfüllende Bühnenpräsenz. Beachtlich in stimmlicher Kraft und dramatischem Ausdruck überzeugten ebenso der Nabucco von Bruno Caproni sowie Arutjun Kotchinian als Hohepriester Zaccaria. Ulrike Helzel machte aus der Fenena eine zu brav-graue Maus; Michal Lehotksy (Ismaele) missfiel mit strapazierter Höhe und belegtem Stimmmaterial.

Das Orchester der Deutschen Oper, das tags zuvor beim Sonderkonzert eine arg traurige Leistung bot, passte sich mit einer einschneidenden und expressiven Spielart glänzend ins Regiekonzept ein. Mit Vjekoslav Sutej stand ein aufmerksamer Dirigent am Pult, der Verdis lauteste Oper mit rasanter Energie auflud und durch sängerfreundliche Einsätze für ein straff geschnürtes Musikwerk sorgte. In Nabucco gilt allgemein der Chor als Hauptakteur. Dieser war beachtlich einstudiert, sehr präsent im Erscheinungsbild sowie deutlich in der Artikulation. Alle Chorszenen überzeugten hinsichtlich Homogenität und Ausdruck, so dass man im Ganzen von einer gelungenen Wiederaufnahme der Produktion sprechen kann. Die Zeit wird es zeigen, ob Neuenfels seine Entscheidung irgendwann einmal überdenkt und an die Deutsche Oper zurückkehrt. Nötig hätte er dies nicht. Dazu ist der Regieberserker zu dick im Operngeschäft. Wenn aber dem passionierten Buh-Rufer doch was fehlen sollte: Am 21. November 2004 bringt Neuenfels an der Komischen Oper Lady Macbeth von Mzensk von Schostakowitsch heraus.



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