29. Juni 2004
Deutsche Oper Berlin

Wie die Zeit vergeht...

Die Sache Makropulos wird an der Deutschen Oper zur Sache Silja

Programm

Leoš Janáček
Die Sache Makropulos

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung - Marc Albrecht
Inszenierung - Nikolaus Lehnhoff
Bühne, Kostüme - Tobias Hoheisel
Licht - Mark Henderson/Jon Stevens
Chöre - Hellwart Matthiesen

Emilia Marty - Anja Silja
Albert Gregor - Pär Lindskog
Vitek - Neil Jenkins
Kristina - Jessica Miller
Baron Jaroslav Prus - Steven Page
Janek - Yosep Kang
Dr. Kolenaty - Lenus Carlson
Ein Theatermaschinist - Slavtscho Kurschumov
Eine Aufräumefrau - Kari Hamnøy
Hauk-Sendorf - Ryland Davies
Kammerzofe Emilias - Kari Hamnøy

Leserbrief/readers comment Druckversion/printversion

Wie die Zeit vergeht...

Die Sache Makropulos wird an der Deutschen Oper zur Sache Silja

Von Jens Paape / Fotos: Mike Hoban (1+2), Bernd Uhlig (3)

Die Sache Makropulos: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Über das Alter von Damen spricht man ja bekanntlich nicht, aber dass Anja Silja ihr Operndebüt 1956 an der Städtischen Oper Berlin als Rosina im Barbier von Sevilla hatte, lässt sich leicht herausfinden. Und das Alter der von ihr verkörperten Emilia Marty wird in Janaceks Oper gleich mehrfach mit 337 Jahren angegeben. 337 und dennoch jugendlich, schön, be(ver)zaubernd - das funktioniert in der Oper natürlich nur mit einem Zauber. Aber wie schafft es eigentlich Anja Silja im realen Leben noch so frisch auszusehen? So energiegeladen und gelenkig zu spielen und mit so klaren Stimme, die schwierigen Passagen zu bewältigen? Man möchte beinahe meinen, auch Silja hätte von dem Jugendelexier getrunken. Und wenn man den Schlussapplaus des Berliner Publikums bewertet, ist sie sogar nahe an der sagenhaften Unsterblichkeit.

Die Sache Makropulos: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Neben Anja Silja als unangefochtenem Star auf der Bühne, verblassten die anderen Darsteller, auch wenn sie stimmlich durchweg passable Leistungen zeigten. Herauszuheben ist einzig Steven Page als Baron Jaroslav Prus, der nicht nur stimmlich überzeugte sondern auch schauspielerisch seine Rolle als adliger Verehrer gut darstellte. Leider kann man dies von den übrigen Akteuren nicht behaupten, da die Bewegungen oft steif und aufgesetzt oder übertrieben dramatisch wirkten. Story, Musik und Aktion passten oft nicht zueinander. Hinzu kam ein oft verzögertes Einblenden der Übertitel. Grundsätzlich kann man natürlich für Opernsänger eine bessere schauspielerische Ausbildung fordern, andererseits muss aber auch die Regie/Dramaturgie mit den Gegebenheiten besser umgehen und den Darstellern ein Konzept anbieten, das sie umzusetzen in der Lage sind.

Die Sache Makropulos: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Die Inszenierung von Nikolaus Lehnhoff Vec Makropulos ist eine Produktion der Glyndebourne Festival Opera und hatte am 24. Juni an der Deutschen Oper Berlin Premiere. Die Bühne ist über alle drei Akte statisch - oder halt, doch nicht? Eben stand der Schreibtisch doch noch rechts, jetzt in der Mitte. Wenn man erst einmal darauf aufmerksam geworden ist, erkennt man, dass sich verschiedene Teile der Kulisse fast unmerklich langsam bewegen. Die Gegenstände im vorderen Bühnenteil wandern langsam nach links, verschwinden und rechts erscheinen neue. Die Aktenstapel im Hintergrund werden langsam von einem roten Vorhang und später durch einen transparenten Stoff verhüllt. Und plötzlich hängt da ein Konzertflügel verkehrt herum von der Decke oder war er schon immer dort? Die zentrale Aussage der Geschichte, dass mit der Sterblichkeit auch die Motivation, der Antrieb, die Ziele des Lebens verloren gehen werden so trefflich dargestellt.

Musikalisch beginnt der Abend mit einer intensiven und langen Ouvertüre. Das Janáček-typische Frage- und Antwortspiel in den Orchesterstimmen und später zwischen Orchester und Gesang wurde von Marc Albrecht interessant, wenn auch schwer zu koordinieren und nicht ganz sauber, mit einem hinter der Bühne versteckten Blechbläserensemble umgesetzt. Überhaupt hatte man das Gefühl, dass sich die Musiker zunächst warmspielen mussten, denn die anfänglichen Unsicherheiten wichen im Laufe des Abends zunehmender Spielfreude und Rasanz. Insgesamt dominieren jedoch die Sänger das musikalische Geschehen, das Orchester agiert bis auf wenige dramatische Solostellen im Hintergrund - aber auch das ist ja durchaus eine Kunst. Zum Abschluss wurde Marc Albrecht vom Publikum gefeiert. Wenn der neue GMD mit den Händen des Publikums ausgewählt würde, hätte die Deutsche Oper hier ihren Spitzenkandidaten.



©www.klassik-in-berlin.de