13. Mai 2004
Deutsche Oper Berlin

Ausnahmezustand Edita

Edita Gruberova als Lucia an der Deutschen Oper

Programm

Gaetano Donizetti
Lucia di Lammermoor

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Stefano Ranzani
Inszenierung, Bühne, Kostüme: Filippo Sanjust
Chöre: Hellwart Matthiesen

Enrico: Boaz Daniel
Lucia: Edita Gruberova
Edgardo: Ramon Vargas
Arturo: Yosep Kang
Raimondo: Reinhard Hagen
Alisa: Karin Hamnøy
Normanno: Volker Horn

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Ausnahmezustand Edita

Edita Gruberova als Lucia an der Deutschen Oper

Von Heiko Schon / Fotos: Bernd Uhlig

Lucia di Lammermoor: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Es gibt sie noch. Die Operndiven, deren Auftritt man schon Monate davor entgegenfiebert, die schon dann Stadtgespräch sind, wenn das Hotel bezogen wird und die ersten Proben starten. Ein exklusiver Wind weht durch die kahlen Gänge der Deutschen Oper: Die Gruberova ist da. Dabei steht die Slowakin für einen fast ausgestorbenen Typus Opernsängerin wie die Sutherland oder Scotto. Eine, die ihre Auftritte im Jahr wohl dosiert, um nicht Stimme und Präsenz zu verschleißen und die nicht allein auf Karriere durch kommerzielle Vermarktung baut. Es hagelt Liebeserklärungen der Intendanten der großen Häuser. Und so ist es wohl Ioan Holender, Direktor der Wiener Staatsoper, früherer Agent Gruberovas und derzeit künstlerischer Berater der Deutschen Oper, zu verdanken, dass dieses Ausnahmetalent nach langer Zeit wieder in einer ihrer Paraderollen in Berlin zu erleben ist.

Die Inszenierung von Filippo Sanjust aus dem Jahre 1980 entspricht da ganz dem persönlichen Geschmack der Star-Sopranistin. Gruberova machte nie einen Hehl daraus, dass sie dem heutigen Regietheater nicht allzu viel abgewinnen könne. So ist ein Opernabend zu erleben, der szenisch anmuten lässt, als wäre die Zeit stehen geblieben. Dazu gehören sowohl werkgetreue Kostüme (die heute wohl kaum noch bezahlbar wären) und vornehmliches Singen an der Rampe als auch für den Handlungsort passend bemalte Pappkulissen, die in gnädigem Licht stehen müssen, um einige Verschleißspuren zu verdecken. Auch die Personenführung gibt innerhalb der schottischen Postkartenmotive nicht mehr her als verzweifeltes Zu-Boden-Fallen, hilfloses Händeringen und ständiges Auf- und Abgehen.

Doch weg vom Mittel, hin zum Zweck. Edita Gruberova steht in 25 Jahren ihrer Verkörperung der Braut von Lammermoor kurz vor der 200. Vorstellung. Von Verkörperung kann eigentlich gar keine Rede mehr sein, so sehr hat Gruberova diese Rolle in sich aufgenommen. Dabei verblüfft sie nach wie vor mit ihrer unglaublich jugendlichen Stimmfarbe, einer untadeligen Phrasierungskunst und perfekter Atemtechnik. Genau dies ist ihre Lucia: tragische Gestaltung aus Mitteln des reinen Gesangs. Dazu verziert oder verzögert sie, schattiert dynamisch und reiht mühelos eine Koloraturperle an die nächste. Auch in den endlos langen Bögen, die scheinbar aus dem Nichts kommen, um auf einer Linie nach oben katapultiert zu werden, macht ihr so schnell keine was vor. Gruberovas dramatischer Ausdruck dabei ließen ihren Vortrag zu einer Belcanto-Sternstunde werden, die in der Wahnsinnsarie gipfelte. Doch es wäre falsch, die rundum stimmigen Partner zu vernachlässigen. Ramon Vargas gab einen explosiven und hitzköpfigen Edgardo, der vor allem in der Mittellage vor Schmelz nur so strotzte. In der kniffligen Schlussarie konnte er alle Register seines kräftigen und dabei lyrischen Organs unter Beweis stellen. Auch wenn bei Boaz Daniel mal ein Ton daneben ging oder der Einsatz zu früh kam, war sein Porträt des egoistischen Enrico durch eine rollendeckende Ausstrahlung und einen kernigen Bariton überzeugend. Karin Hamnøy war eine solide Alisa, Reinhard Hagen eine grandiose Monumentalausgabe des Raimondo. Der kurze Auftritt von Yosep Kang als Arturo lies ebenso aufhorchen. Da steckt seit knapp zwei Spielzeiten ein sympathischer Rohdiamant mit klarem und schönem Timbre im Sängerensemble der Deutschen Oper, der sich tapfer in allen Kleinstrollen bewährt hat und dem man durchaus auch eine Hauptpartie zutrauen würde. Einziger Wermutstropfen war Volker Horns Normanno. Warum musste bei abgenutzter Stimme noch zudem lautstark und chargierend auf sich aufmerksam gemacht werden?

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Das Orchester spielte unter Stefano Ranzani so konzentriert wie schon lang nicht mehr im Repertoire. Ranzani präsentierte seinen Donizetti ausgesprochen präzise, feinsinnig und mit gehörigem Drive. Zudem herrschte absolute Abstimmung zwischen Orchestergraben und Bühne.

Mit tosendem Szenenapplaus und etlichen Schlussvorhängen bedankte sich das Publikum zu Recht für diesen glanzvollen Abend.

Wer für die letzten beiden Termine am 17. und 21. Mai keine Karten mehr bekommen hat, sollte sich mit einer Rückkehr Gruberovas an die Deutsche Oper Berlin trösten: Im Mai 2005 singt sie die Elvira in Bellinis Puritanern. Die Bilderbuchinszenierung der Lucia gibt es auch wieder in der nächsten Spielzeit. Im Februar 2005 wird dann Stefania Bonfadelli die Titelpartie übernehmen.



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