1. April 2004
Konzerthaus Berlin

Stimmakrobatik aus drei Kulturen

Aus der Reihe zeitfenster - klang der ferne

Programm

Matutin
"Omnia quae fecisti nobis, Domine" (Gregorianischer Gesang)
Gentcho Gentchev: "Petlite pejat" (Hahnenschrei)
"Cara cantu ser bella" (Liebste, wie bist Du schön)
Clément Janequin: "Le Chant des oiseaux" (Vogelgesang)

Laudes
"Kyrie" (Gregorianischer Gesang)
"Ave Maria e'su Rosariu"
Stefan Kanev: "Sarai Danko" (Schöne Danka)
William Byrd: "Benedictus" (aus "The Great Service")

Terz
"Esto mihi in Deum protectorem" (Gregorianischer Gesang)
Orlando di Lasso (Bearbeitung von Bob Chilcott)
"Dessus le marché d'Arras" (Über dem Markt von Arras)

Non
"Super flumina Babylonis" (Gregorianischer Gesang)
"A una rosa" (An eine Rose)
Gabriel Jackson: "Song"
Ivan Spasov: "Mehmetion"
"Polegnala e Tudora"

Vesper
"Sanctus" (Gregorianischer Gesang)
"Regina coelo - Magnifikat"
Giles Swayne: "Magnificat"
"Giorge dos"

Komplet
"Agnus Dei" (Gregorianischer Gesang)
"Muttos"
Krassimir Kyurkchiyski: "Duimano, Dulbero"
Max Reger: "Abendlied"
"Memento verbi tui" (Gregorianischer Gesang)

Mitwirkende

RIAS-Kammerchor
Angelite - The Bulgarian Voices
Concordu e Tenore de Orosei
Bob Chilcott - Leitung

Leserbrief/readers comment Druckversion/printversion

Stimmakrobatik aus drei Kulturen

Aus der Reihe zeitfenster - klang der ferne

Von Nancy Chapple

RIAS Kammerchor

Einen zauberhaften Abend bot uns der RIAS-Kammerchor mit Gästen aus Bulgarien und Sardinien: keine zufällige Aneinanderreihung schöner Stücke, sondern ein Lauf durch die Gebetsstunden der Mönche vom Morgen bis in die Nacht. Die Choreographie des Konzerts begann mit dem Eintritt aller Sänger durch die hintere Tür des dunklen Saals mit Kerzen in der Hand, einen gregorianischen Gesang intonierend. Der Effekt war unheimlich, da die entlang des Mittelgangs verteilten Sänger leicht versetzt zueinander sangen, ähnlich einer Musikaufführung in einer hallenden großen Kirche. Dann bildeten sie drei Gruppen auf der Bühne: die 36 Sänger des RIAS-Kammerchors in nüchternen Farben, die 17 Frauen von Angelite - The Bulgarian Voices in bunten Trachten und die fünf sardischen Männer in dunklen Festanzügen mit weißen Hemden. Ohne Pause sangen sie abwechselnd in aus vier bis sechs Stücken gebildeten Einheiten je ein Stück des gregorianischen Gesangs, der westlichen Tradition, des bulgarischen Volksliedguts und der sardischen Gesangstradition, wobei auch moderne Kompositionen der jeweiligen Stilrichtung eingeflochten wurden. Es ist kein leichtes Unterfangen, die vielfältigen und für unser Ohr teils ungewohnten Klänge des Abends in Worte zu fassen, aber ein Versuch will gemacht werden.

Angelite- The Bulgarian Voices

Die Stimmqualitäten der bulgarischen Frauen wurden einem breiteren Publikum in den späten 1980er Jahre bekannt: stark und ohne Vibrato, etwas gepresst und in einem bestimmten beschränkten Register, Stimmen oft nur ein Viertelton auseinander. Nach einem Unisono-Anfang teilen sie sich oft in zwei oder mehr Stimmen, um komplexere Geflechte darzubieten: In solchen Augenblicken gewinnt das Ganze eine neue Dimension, so dass ein Zuhörer regelrecht Gänsehaut bekommt. Auch gebrochene sieben- oder achtstimmige Akkorde waren immer wieder ein raffiniertes Spannungselement. Mehmetion von Ivan Spasov gehörte zwar nicht zum traditionellen Volksliedrepertoire: Es war eine Studie in Halbtönen. Erstaunlich hier, wie leise sie am Ende wurden - und dann noch leiser. Auch Gelächter ist im Lied Ave Maria e'su Rosariu verblüffend eingebaut. Immer wieder war es eine Freude die Gesichter zu beobachten: als ob Singen ein Gottesgeschenk ist, ein Ur-Drang, den man gar nicht unterdrücken kann.

Einer der Beiträge des RIAS-Kammerchors war Le Chant des oiseaux von Clément Janequin aus dem 16. Jahrhundert: bezaubernd wegen der vielfältigen Stimmen in der "klassischen" polyphonischen Tradition. Auch beeindruckend ihre Aufführung von Gabriel Jacksons Song: leuchtend hohe Töne in enger harmonischer Bewegung, jeder Schritt in den Phrasen ausgekostet. In Max Regers Abendlied färbten insbesondere die Mittelstimmen den Klang.

Cuncordu e Tenore de Orosei

Auch die Sarden trugen etwas eigenes bei: eine sehr tiefe Resonanz, pochend innerhalb jedes Akkords, fast quälend langsam gesungen, so dass man z. B. einen bestimmten Dreiklang in all seiner inhärenten Tiefe erleben konnte. Wenn alle gemeinsam langsam in einen leicht anders gefärbten Akkord hineinrutschten, war der Effekt atemberaubend. Die meisten Stücke waren im Aufbau so, dass es einen Stimmführer gab, der die Texte und Harmonien vorantrieb, während die anderen in reinen Dreiklängen begleiteten. Oft sangen nur vier der Männer; der jeweils fünfte wartete auf seinen nächsten Einsatz. Grundsätzlich sangen sie nicht direkt zum Publikum, sondern standen in einem engen Kreis, praktisch aneinander gelehnt, mit einer Handfläche ums Ohr, um besser aufeinander zu hören.

Beim Studium des Programms mag sich mancher gefragt haben, ob eine Zusammenstellung solch unterschiedlicher Elemente funktionieren kann. Aber die perfekte Ausführung und der einmalige Effekt zogen jeden in seinen Bann. Ein absoluter Höhepunkt war Dessus le marché d'Arras von Orlando di Lasso in der Bearbeitung des musikalischen Leiters des Programms Bob Chilcott. Er hatte das Vorstellungsvermögen, die drei Gruppen - jede auf ihre charakteristische Weise singend - in einem Lied miteinander zu verbinden. Das selbe Stück wurde nochmals als Zugabe geboten - das Toben im Saal wollte nicht aufhören.



©www.klassik-in-berlin.de