16. September 2004
Kammermusiksaal

Eine Demonstration ohne Esprit

Jos van Immerseel spielt Debussy auf Erard

Programm

Claude Debussy
Images (oubliées)
Hommage à Rameau (Lent et grave; aus Images)
Children’s Corner
Prélude II (... Feuilles mortes)
Prélude XII (... Feux d’artifice)
Préludes, Livre I, 1909/10

Mitwirkende

Jos van Immerseel - Klavier

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Eine Demonstration ohne Esprit

Jos van Immerseel spielt Debussy auf Erard

Von Nancy Chapple

Jos van Immerseel

Jos van Immerseel gilt als einer der Fachleute für historische Aufführungspraxis, sowohl als Orchesterleiter als auch als Pianist. Für dieses Konzert brachte er eigens zwei historische Erard-Flügel mit nach Berlin, um uns einige Beispiele aus dem Werk Debussys so präsentieren zu können, wie sie nicht nur vor 100 Jahren bei den meisten Aufführungen geklungen haben mögen, sondern - wie Immerseel betonte - auch von Debussy selbst im Klang beabsichtigt waren.

Der Pianist begann den Abend mit diesem interessanten Exkurs in die Vergangenheit und erklärte uns auch in verständlichen Worten den Unterschied in Bauweise, Spieltechnik und Klang der Erard-Flügel im Vergleich zu den heutigen Instrumenten. Später war das Publikum somit durchaus in der Lage Feinheiten zu erkennen, die über den offensichtlichen Klangunterschied hinausgingen.

So weit, so gut - leider war der Interpret jedoch sehr schlecht vorbereitet. An buchstäblich hunderten von Stellen an denen bei einem Tastenkünstler Stimmdifferenzierung, Partiturtreue, gleichmäßige schnelle Passagen vorauszusetzen wären, um dann noch über Feinheiten der musikalischen Interpretation und der persönlichen Auslegung zu sprechen - dort hat es gefehlt.

Van Immerseel begann mit einem frühen Werk, den Images (oubliées) aus dem Jahr 1894. Harmonisch waren die Debussy-typischen Klänge schon auszumachen, nur eine klare innere Entwicklung hatten die drei Werke nicht, am witzigsten dennoch die dritte um einen Gassenhauer der Epoche. Hommage à Rameau aus dem ersten Band von Images überzeugte, wie von van Immerseel in seiner Einführung erläutert, da hier die tiefen Töne auf dem Erard-Flügel unglaublich lang nachklingen. Die folgenden sechs Stücke von Children's Corner sind so bekannt, dass man sich als Solist kaum leisten kann, nicht etwas sehr Persönliches daraus zu machen. Man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese Stücke zwar sehr gut, aber dennoch einfach vom Blatt gespielt, anstatt gemeistert und souverän aufgeführt wurden. Als Beispiele seien hier nur das wiederholt falsche Ces (=H!) in der Ges-Dur Passage in Golliwogg's cake walk und die sehr unsauberen, ungleichmäßigen Sechzehntelnoten in The snow ist dancing genannt.

Die Auflistung könnte beliebig weitergeführt werden, von fehlenden Mittelstimmen in Danseuses de Delphes bis zu dem völlig fehlenden jazzigen Esprit bei der Zugabe eines Stückes von Dave Brubeck. Für einen Vortrag oder eine Vorlesung mit Klangbespielen könnten die Leistungen ausreichend sein, nicht aber für ein Konzert.

Unsere Erwartungen an Konzertinstrumenten sind heute sehr hoch. Leider waren diese Erards ziemlich schnell verstimmt, besonders in den tiefen Oktaven; auch fehlte es dem kleineren der beiden - einem Demiqueue - im großen Kammermusiksaal an Volumen und Ausdrucksstärke.



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