17. Januar 2004
Komische Oper Berlin

Schöner grüner Jungfernkranz...

Der Freischütz an der Komischen Oper

Programm

Carl Maria von Weber
Der Freischütz

Mitwirkende

Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung: Jin Wang
Inszenierung: Christof Nel
Assistenz-Regie:
Bühnebild: Jens Kilian
Kostüme: Ilse Welter
Dramaturgie: Eberhard Schmidt
Chöre: Peter Wodner

Ottokar: Herman Wallén
Kuno: Klemens Slowioczek
Agathe: Bettina Jensen
Ännchen: Mojca Erdmann
Kaspar: Carsten Sabrowski
Max: Robert Künzli
Eremit: James Creswell
Kilian: Hans-Georg Priese
Samiel: Alfred Bär, Holger Bentert, Jochen Günther, Christoph Hoff, Heunz Krüger, Horst Reinert, David Schroeder, Immanuel Tschernik

Leserbrief/readers comment Druckversion/printversion

Schöner grüner Jungfernkranz...

Der Freischütz an der Komischen Oper

Von Melanie Fritsch / Fotos: Monika Rittershaus

Bis heute gilt Der Freischütz als singuläres Meisterwerk im Schaffen Carl Maria von Webers. Eine intensive Reflexion Webers über das eigene Werk sowie eine kompositorische Auseinandersetzung mit der italienischen Arienform, der französischen opéra comique und dem deutschen Sing- und Schauspiel gingen diesem Werk voraus. Zusätzlich war jedoch das Libretto Friedrich Kinds vonnöten, dessen Stärke u.a. die malerische Gestaltung von tableauartigen Bildern ist, obwohl Weber dessen konzeptionellen Ansatz, die gespielte Realität durchgehend zum Wunderbaren in Beziehung zu setzen und damit eine plausible Motivation der Musik in der Oper als höher potenzierte Sprache im Sinne E. T. A. Hoffmanns zu ermöglichen, durch Streichung der ersten beiden Szenen nicht annahm.

Der Freischütz: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

In vielen Inszenierungen durch gamsbärtige Jägerromantik verkitscht, wurde das Werk leider allzu oft in die Nähe trivialer Genres gerückt und die dunkle Seite der Romantik völlig ausgeklammert. Einen anderen Weg versucht Regisseur Christof Nel an der Komischen Oper zu beschreiten. Auf der Bühne (Jens Kilian) thront eine riesige verwinkelte Konstruktion voller Türen und Treppen, aus der es keinen Ausweg gibt, jede Tür führt immer nur in den nächsten mit kleinen Jagdtrophäen behängten Raum. Die gesamte Handlung inklusive der "Wolfsschlucht" findet in diesem eingeschränkten Raum statt, etwas an Wald Gemahnendes taucht nicht auf, was aber keinen großen Nachteil darstellt. Schade jedoch, dass die Wolfsschluchtszene in einem an eine Garage erinnernden Raum spielt, um den draußen wild gewordene Karnevalisten mit Micky-Maus-Ohren und Schweinenasen herumsausen und die von Max auf dem Weg dorthin gefürchteten Bedrohungen von in rosa gekleideten, sich anbietenden Damen verkörpert werden. Das Grauenhafte, der Schrecken, den die Szene durchaus beschwören könnte, wäre sie etwas weniger überladen, geht für den Zuschauer völlig unter in Konfetti und Knallern. Dazwischen stehen mehrere Samiels, die mit Spiegeln Licht hin und her schicken. Eine schöne Idee den schwarzen Jäger in mehrere Figuren aufzusplitten, ihn damit als unheilvolle Bedrohung nicht in einer Figur zu personifizieren, und seine Texte teilweise dem Chor und Max selbst zu überlassen, wenn dieser in einen Spiegel ruft: "Hier bin ich".

Ein weiterer interessanter Einfall ist es, einen Teil des Chores im Orchestergraben unterzubringen, was insbesondere, wenn er für Samiel spricht, eine außerweltliche Bedrohung plastisch fühl- bzw. hörbar macht. Auch der Schluss, der oft zum Griff in die Kitschkiste verleitet, hat ein schönes Bild, wo Max seine angedrohte Verbannung dadurch anzeigt, dass er sich rückwärtsgehend von Agathe entfernt, eine einfache Handlung, die viel erzählt.

Der Freischütz: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Die berühmt-berüchtigte Jungfernkranzszene kommt sehr reduziert daher, die Brautjungfern sitzen strickdrehend auf einer der vielen Bänke und ihr einziges Lebenszeichen ist, dass sie immer einen Platz weiterrücken. Bezugslosigkeit dominiert hier die Szene, unbeteiligt drehen sie ihre Kränze, während Agathe die Angst ins Gesicht geschrieben steht.

Insgesamt bleiben einige Unverständlichkeiten. Vor allem leiden die Figuren darunter, dass es dem Zuschauer nicht wirklich möglich ist ihnen nahe zu kommen und ihre Wege und Motivationen zu verstehen. Sie wirken in das Geschehen hineingeworfen und dort allein gelassen, was durchaus beabsichtigt sein mag, um den Eindruck der Verlorenheit in der Ausweglosigkeit zu erzeugen, aber doch unvermeidlich einen gelegentlich eher lustlosen Eindruck erweckt.

Dem Ensemble, das durch die Bank weg mit soliden Leistungen aufwartet, kann man dies jedoch nicht zur Last legen. Besonders die stimmgewaltigen Chöre liefern immer wieder wunderbare Hörmomente. Selbiges gilt für das Orchester unter der Leitung von Jin Wang, immer wieder gelingt es durch eine sehr spannungsreiche Interpretation musikalisch den Schrecken zu erzeugen, der auf der Bühne leider zumeist vermisst wird.

Christof Nels Inszenierung liefert einen durchaus interessanten Ansatz für eine neue, anders gerichtete Lesart der Oper von Webers, hinterlässt aber dennoch durch einige Undeutlichkeiten einen eher ratlosen Zuschauer.



©www.klassik-in-berlin.de