5. April 2004
Deutsche Oper Berlin

Thielemanns Wunschoper

Das Mädchen aus dem goldenen Westen wird an der Deutschen Oper ins Heute versetzt

Programm

Giacomo Puccini
La Fanciulla del West (Das Mädchen aus dem goldenen Westen)

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Christian Thielemann
Inszenierung, Bühne: Vera Nemirova
Bühne, Kostüme: Klaus Werner Noack
Dramaturgie: Brunhild Matthias
Chöre: Ulrich Paetzholdt

Minnie: Paoletta Marrocu
Jack Rance: Lado Ataneli
Dick Johnson: Dario Volonté
Nick: Clemens Bieber
Ashby: Peter Klaveness
Sonora: Lenus Carlson
Trin: Burkhard Ulrich
Sid: Yu Chen
Bello: Markus Brück
Harry: Peter Maus
Joe: Jörg Schörner
Happy: Tom Erik Lie
Larkens: Roland Schubert
Billy Jackrabbit: Hidekazu Tsumaya
Wowkle: Diane Pilcher
Jake Wallace: Markus Brück
José Castro: Harold Wilson
Ein Postillon: Volker Horn

Solisten und Ensemble des Balletts der Stiftung Oper in Berlin

Leserbrief/readers comment Druckversion/printversion

Thielemanns Wunschoper

Das Mädchen aus dem goldenen Westen wird an der Deutschen Oper ins Heute versetzt

Von Nancy Chapple und Jens Paape / Fotos: Bernd Uhlig

Das Mädchen aus dem goldenen Westen: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Die Deutsche Oper lud ein zu einer Seereise, die bereits im Foyer beginnen sollte. Zwar gab es Lautsprecherdurchsagen a là Bahnhofsvorhalle und als Matrosen gekleidetes Personal, aber das versprochene Eintauchen in die Stimmung der Inszenierung blieb zunächst aus. Auch der 1. Akt der Ende März uraufgeführten Produktion von La Fanciulla del West lässt einem zunächst komisch kalt: Wir fühlen uns nicht emotional beteiligt am Geschehen auf der Bühne. Die Transposition der Geschehnisse aus der Goldgräberzeit in eine Art Einwanderungslager mit Dekoelementen aus den 50er Jahren, inklusiv Videoleinwand mit Fluganzeigen und "Big-Brother"-Blick in die armseligen Unterkünfte macht zunächst eher stutzig, als dass sie mitreißt. Und dann noch die singenden Weihnachtsmänner...

Das Mädchen aus dem goldenen Westen: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Was vom ersten Ton an überzeugt, ist die Musik von Puccini, die vom Orchester unter der Leitung von Christian Thielemann absolut mitreißend, präzise und in den Farben schimmernd und lebendig dargeboten wird. Das Werk ist brillant durchkomponiert, es drückt exakt Stimmungen aus: Sogar die Szene ohne musikalische Untermalung, in der Minnie und Jack sich im Clinch auf dem Dach ihres Hauses befinden, ist fesselnd. Fanciulla stand musikalisch ganz oben auf der Wunschliste von Thielemann und man hatte manchmal den Eindruck, als ob er eher ein Konzert gibt, als eine Oper.

Gegen diesen orchestralen Rausch hatten es die Sänger nicht immer leicht: Paoletta Marrocu als Minnie setzte sich zwar durch, leider wirkte ihre Stimme dabei aber manchmal etwas schrill und unsauber. Schauspielerisch war sie allerdings voll da - die Mischung aus unantastbarer Heiliger und gerissener Kartenspielerin nahm man ihr durchaus ab. Größere Schwierigkeiten hatte Dario Volonté als Dick Johnson. Seine Stimme klang gepresst und war oft vom Orchester überdeckt. Auch schauspielerisch wirkte er steif und irgendwie im falschen Film. Uneingeschränkt überzeugen konnte Lado Ataneli als Jack Rance: Er strotzte vor Bühnenpräsenz und sang stark und ausdrucksvoll.

Das Mädchen aus dem goldenen Westen: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Im 2. Akt, als sich die Intensität zwischen den Protagonisten steigert und das Geschehen fokussierter wird, fühlten wir uns trotz kleinerer Unstimmigkeiten mehr angesprochen und involviert. Warum muss eigentlich der Sheriff mit seinen Männern die Wände von Mimis Wohnwagen regelrecht einreißen, obwohl es draußen schneit? Richtig stimmig - mit herrlichen Bildern - wurde die Inszenierung dann im 3. Akt, als der Männerchor sich auf den Neigungen verteilte und mitten auf der Bühne ein Galgen stand, der später ein Podest für Minnies leidenschaftliche Ansprache und schließlich zum Schiffsmast wurde.

Fazit: Was bleibt ist die grandiose gespielte Musik Puccinis in einer Inszenierung, die in einem schönen Schlussbild mit den Schwächen am Anfang versöhnt.



©www.klassik-in-berlin.de