23. Juni 2004
Hebbel am Ufer HAU EINS

Eine große stilistische Vielfalt

Epidemic im HAU

Programm

Ari Benjamin Meyers
Epidemic

Mitwirkende

Produktion: PERFORMART, Hebbel am Ufer Berlin, Europäisches Zentrum der Künste Hellerau

Regie: Sebastian Baumgarten
Musikalische Leitung: Ari Benjamin Meyers
Text/Dramaturgie: Ralf Fiedler
Bühne/Licht: Thilo Reuther
Kostüme: Valerie von Stillfried

Darsteller: Lars Rudolph, Tilo Werner, Juliane Werner, Ingolf Müller-Beck, Effi Rabsilber, Ari Benjamin Meyers

Leserbrief/readers comment Druckversion/printversion

Eine große stilistische Vielfalt

Epidemic im HAU

Von Nora Mansmann

Die Autoren Lars und Niels (Lars Rudolph, Tilo Werner) sind auf der Suche nach einem neuen Filmstoff. Die Zeit drängt, denn der Produzent (Ingolf Müller-Beck) wartet auf die Abgabe des Drehbuchs. "Was wir brauchen, ist ein Mann mit großen Zielen!", verkündet Lars, und die beiden stoßen auf den deutschen Arzt Dr. Mesmer, der bei dem Versuch, eine Seuche zu bekämpfen, das Virus selbst verbreitet hat. In der kurzen verbleibenden Zeit von fünf Tagen versuchen die Autoren, sich durch ein Wirrwarr an Assoziationen, Motiven und Themen kämpfend, ein Drehbuch zu verfassen. Sie erfinden ein musikalisches Virus mit dem Namen "Wag-Tann", nach Richard Wagners Tannhäuser. In der Realität bricht unterdessen tatsächlich eine Epidemie aus.

Das ist im Groben die Handlung von Lars von Triers Film Epidemic von 1987. Für eine Koproduktion von PERFORMART, dem Hebbel am Ufer und dem Europäischen Zentrum der Künste Hellerau haben Sebastian Baumgarten (Regie) und Ari Benjamin Meyers (Komposition/Musikalische Leitung) unter demselben Titel einen modernen Musiktheaterabend entwickelt. Eine auf Lars von Triers Filmscript basierende Textfassung für die Bühne erstellte Ralf Fiedler (Dramaturgie). Am 23. Juni feierte Epidemic im HAU 1 seine Berliner Premiere.

Dies hier ist keine klassische Oper. Das zeigen Ari Benjamin Meyers und die Schauspieler gleich zu Beginn an den links auf der Bühne platzierten Instrumenten (Gitarre, Bass, Keyboard, Schlagzeug) mit einer energisch hingeschmetterten Rocknummer. Doch dabei bleibt es nicht: Im Laufe des Abends folgen weitere Stücke, die allesamt großes handwerkliches Können der Schauspieler/Musiker beweisen und innerhalb ihres popmusikalischen Rahmens eine große stilistische Vielfalt abdecken. Erst nach etwa zwanzig Minuten lässt sich zum ersten Mal das Orchester auf der Hinterbühne hören; ein Posaunenchor, den Meyers geschickt einzusetzen weiß. Der Komponist steht während der Vorstellung am Keyboard und am Mischpult, dirigiert über Kamera den unsichtbaren Chorus und steigt auch selbst als Darsteller in die Handlung ein. Entsprechend der Geschichte vom Virus "Wag-Tann" bezieht sich Meyers Komposition auf Richard Wagner und dessen Oper Tannhäuser. Die Musik sei gleichermaßen "inspiriert und angewidert" vom "Meister aus Deutschland", heißt es im Programmheft.

Mit diesem an Paul Celans berühmte Todesfuge erinnernden Ausdruck ist bereits viel gesagt über den Inhalt des Abends. Von Wagner mit seiner Deutschtümelei und seinem Antisemitismus kommt man gedanklich immer schnell zu Deutschlands jüngerer Vergangenheit. Von Dr. Mesmer geht es über Seuchenbekämpfung über Aspirin über die Firma Bayer zu IG Farben, gegründet durch einen Zusammenschluss von Bayer und anderen Unternehmen in den zwanziger Jahren - und schon sind wir wieder bei der Nationalsozialismus-Assoziation. Es geht auch um deutsche Wirtschaftskraft, die Erfindungen von Bayer und Co., die Bestrebungen nach wirtschaftlicher Autarkie in den zwanziger und dreißiger Jahren - eine alte Idee, die im Dritten Reich mit viel Aufwand fortgeführt wurde. Selbst die spaßig nachgespielten Mesmer'schen Menschenversuche lassen sich wieder in denselben Zusammenhang stellen, und erst recht die Hütte im Hintergrund, die aussieht wie eine Mischung aus Sauna und Gaskammer oder die Szene, in der Märchenfiguren mit Uniformteilen von NS-Organisationen auf die Bühne kommen.

Der jeweils letzte gedankliche Schritt in der Assoziationskette, der jedes Mal zumindest in die Nähe des Nationalsozialismus zu führen scheint, wird jedoch erfreulicherweise immer vom Zuschauer selbst gemacht und nicht vorgegeben. So bewahren die Macher ihren Theaterabend vor Plakativität. Epidemic handelt eben nicht vordergründig vom Nationalsozialismus oder gar von deutscher Schuld, sondern von einer Vielzahl unterschiedlicher Themen, die völlig unabhängig davon zu sein scheinen. Doch schneller als man denkt, ist die Verbindung hergestellt. Die Zeit des Nationalsozialismus bleibt, genau wie in der deutschen Realität, im Hintergrund als heimliche Klammer des Abends unauffällig und in Andeutungen beständig präsent. Nur weil dieses Thema im deutschen Bewusstsein so sehr verankert ist, können andererseits die Assoziationen überhaupt entstehen.

Dazwischen immer wieder die Rahmenhandlung: die Schreibversuche der Autoren, ihre Recherchen und Schwierigkeiten. Bald verschwimmen die Grenzen zwischen ihrer Welt und den Assoziationswelten ihres Drehbuchs. Folgerichtig sterben am Ende alle Figuren an der erst erdachten, dann tatsächlich ausgebrochenen Seuche.



©www.klassik-in-berlin.de